Konsequenz aus Naturmaterialien

Tages-Anzeiger // In Seelisberg steht ein Haus, das komplett aus Naturmaterialien gebaut wurde. Das zweistöckige Ferienhaus vereint Behaglichkeit und Design mit Ökologie und ist ein Erlebnis für alle Sinne.

Es duftet intensiv nach frisch geschnittenem Holz: tannig, harzig, frisch. Schon in der Einfahrt riecht es nach Holz, eine riesige Scheiterbeige steht neben dem Haus. Das Haus selber ist komplett mit Holzschindeln eingekleidet. Und auch im Innern begleitet einen der Duft von Holzmöbeln und etwas rauchiger und rauher von Holzkohlen im Tonofen. Dazu fühlt man angenehmen Holzparkett unter den Füssen, schmeckt den feinen, dampfenden Kräutertee, lässt den Blick über den Vierwaldstättersee schweifen und hört das Pochen eines Spechts im anliegenden Waldstück. Es ist schnell klar: Das Haus Eins, ein Naturhaus in Seelisberg, erfährt man mit allen Sinnen.

Das Haus ist die Vision von Lukas Gwerder. Der Schreiner hat von einem Haus für die Ewigkeit, komplett aus Naturmaterialien geträumt und diese Vision in Seelisberg, am Dorf- und Waldrand und mit Aussicht über den Vierwaldstättersee, verwirklicht. Er suchte nach Wegen, konsequent ökologisch zu bauen und dabei traditionelles Handwerk mit innovativen Lösungen zu verbinden. Und er fand sie. Abgesehen von den gesetzlich vorgeschriebenen Bauteilen in den Bereichen Elektrik und Sanitärinstallationen ist das ganze Haus kompostierbar.

Der zweite Kopf hinter Haus Eins ist Urs Kasper. Der gelernte Schreiner und heutige Immobilienunternehmer hat das Haus im Rohbau gekauft, als Gwerder einen Investor suchte. «Ich fand den Ansatz interessant», erklärt Kasper. «Ich wollte zeigen, dass ein Naturhaus nicht dem Öko-Klischee entsprechen muss, sondern auch mit Design für höchste Ansprüche überraschen kann.» Mit einem kleinen Team haben sie das Haus fertig gebaut. «Häufig mussten wir improvisieren, häufig auch experimentieren», erinnert sich Kasper. Es gab kaum vergleichbare Objekte, und oft stiessen sie bei Handwerkern auf Widerstände neue, unkonventionelle Wege zu beschreiten.

Keinen Tropfen Leim

Vieles am Haus Eins ist anders als bei einem herkömmlichen Bauobjekt. Nicht Beton bildet das Fundament, sondern Steine aus dem eigenen Grundstück. Der Wohnteil des Hauses wird mit Metallseilen auf eben dieses Fundament heruntergezogen. Es gibt keine mechanische Verbindung zwischen dem Holzbau und dem Fundament aus Stein. Einzig die Reibungsflächen halten alles an Ort und Stelle. Das Gerüst aus Holz ist mit dicken Schindeln aus Rotzeder geschützt. Abdichtende Folien sucht man vergebens. Es sind die Naturmaterialien wie ein Hanf-Kalk-Gemisch, kombiniert mit Hanfmatten, die vorherrschen. «Und es gibt keinen Tropfen Leim oder Lack. Nirgends», betont Kasper stolz.

Auch beim Innenausbau setzt sich Gwerders Vision fort. Die Winkel der Räume sind beispielsweise alle grösser als 90 Grad und die Decken laufen gewölbt: so kann die Luft besser zirkulieren. Offene Räume dominieren und als Gegenstück bestehen gemütliche Nischen. Eine Wendeltreppe führt durch die drei Geschosse. Der Lehmverputz an den Wänden, der nur im Bad und in der Küche mit Wachs versiegelt und damit vor Wasser geschützt ist, vermittelt ein warmes Wohngefühl, unterstützt von Holzböden und Textilien aus Baumwolle und Leinen. Im Erdgeschoss lebt man. Eine offene Küche mit Kochinsel, eine Sofaecke mit vielen Kissen, ein grosszügiger Esstisch und ein Tonofen als Herzstück des Raumes. Im ersten Stock sind drei Schlafzimmer eingerichtet, die Kissen und Duvets sind mit Arvenspähnen gefüllt, es duftet heimelig. Im Dachgeschoss findet man einen offenen Loungeraum mit Sitzsäcken, grossen Kissen und einem Fernseher. Hier kann man einen Film schauen, lesen, sich vertun. Ein Matratzenlager bietet weiteren vier Personen Platz zum Schlafen.

Wer genau hinschaut, erkennt im Innenausbau einige Inkonsequenzen in der Bauweise. «Wir haben etwa eine Silikonfuge hinter den Küchenzeilen», räumt Kasper freimütig ein. «Da fanden wir keine geeignete Alternative. Und wenn wir alle zwei Jahre die Küche sanieren müssen, weil es hinter den Möbeln schimmelt, ist das auch nicht nachhaltig.» Gibt es auch etwas, das sich nun, wo das Haus bewohnt wird, nicht bewährt hat? Kasper sagt mit einem Lachen: «Wir müssen für nächsten Sommer dringend Mückengitter vor die Fenster montieren.» Ansonsten habe sich das hartnäckige Experimentieren gelohnt, böse Überraschungen blieben bislang aus.

Umschwung und eigener Wald

Zum Wohngefühl im Naturhaus gehört auch der Aussenbereich. Das Haus liegt auf einem Grundstück mit grosszügigem Umschwung und hat sogar eigenen Wald. Verschiedene Kieswege führen durch das hanglagige Gelände. Am Waldrand steht eine Fasssauna, mit Holz beheizbar, und ein Holzbottich, den man mit kaltem Wasser als Tauchbecken füllen kann. Weiter oben im Garten steht ein Hot Pot, den man ebenfalls mit Holz einfeuert. Das dauert ein wenig: drei Stunden muss man rechnen. Umso schöner ist das Bad im heissen Wasser, wenn über einem bereits die Sterne glitzern. Im Sommer sorgt ein Schwimmteich für Erfrischung. Und auch ein Sitzplatz mit Cheminee fehlt nicht.

Kasper war klar, dass das Haus eine Art Modell sein soll. Er berät beispielsweise andere, die ähnlich bauen wollen. «Vieles was wir gemacht haben, ist in der hiesigen Bauweise nicht mehr alltäglich und bekannt. Etwa die Ausbildung der Duschwände mit Tadelakt, einem Muschelkalkputz aus Marokko.» Klar ist: Mit dem jetzigen Ausbaustandard ist das Haus ein Luxusobjekt. Kasper ist überzeugt: «Alle Elemente der Bauweise können aber auch für ein mittelpreisiges Einfamilienhaus übernommen werden.» Wichtig sei, dass man sich bewusst ist, wie
man leben und wohnen möchte. «Die Wände aus Lehmputz sind beispielsweise bei Haustieren eher ungeeignet.»

Kasper wollte zudem, dass möglichst viele Menschen dieses Naturhaus erleben können. So entstand die Idee, das Haus als Ferienhaus zu vermieten. Das Interesse ist gross: seit der Erstvermietung im Frühling 2020 war das Haus erst eine Nacht nicht vermietet. «Ich denke, viele Leute schätzen das Haus nicht primär, weil es ein natürlich gebautes Haus ist, sondern einfach weil es ein tolles Haus ist. Das Wohngefühl ist einmalig!» Darin liegt für Kasper das Geheimnis: «Man soll nicht beschreiben können, weshalb man sich hier derart wohl fühlt. Im besten Fall führt das ideale Zusammenspiel ganz vieler Dinge dazu, dass es für einen einfach stimmig ist.» Dazu gehört die Weitsicht auf Wald und See. Die frische Luft in den hellen Räumen. Der warme Kräutertee. Das Holz unter den Füssen. Der Arvenduft.

Erschienen am 23. Oktober 2020 in der Beilage Immobilien im Fokus 3 des Tages-Anzeigers.


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