WWF Magazin // In Tansania wachsen Edelhölzer, die weltweit für den Bau von Instrumenten gefragt sind. Zusammen mit den Menschen vor Ort sucht der WWF Wege, um die Wälder nachhaltig zu nutzen und gleichzeitig zu erhalten.
(mit Jonas Schmid)
Die Geschichte von Klarinetten und Oboen beginnt im Wald. Etwa in einem Wald der Gemeinde Nanjirinji im Küstenbezirk Kilwa in Tansania, östlich des Selous-Wildreservats, einem beliebten Safariziel. In diesem Wald wachsen wertvolle Edelhölzer wie Afrikanisches Schwarzholz. Daraus entstehen unter anderem Musikinstrumente. Hier wind auch Wildtiere wie Elefanten, Flusspferde und Nashörner zu Hause. Und Menschen, die vom Verkauf der Edelhölzer leben.
Wenn die Menschen hier viele Bäume fällen, hat das direkte Folgen für die Natur, und es wirkt sich auch auf die Lebensumstände der ansässigen Bevölkerung aus: Kurzfristig können sie zwar mehr Holz verkaufen und so ein höheres Einkommen erzielen. Doch es steigt auch das Risiko, dass mehr Wald abgeholzt wird, als nachwachsen kann. Das Einkommen der Menschen schwindet. Und wenn der Wald zerstört wird, fehlt es bald auch an Trinkwasser, denn Wälder filtern und speichern das kostbare Nass.
Dem Wald einen Wert geben
Wie sich die Waldzerstörung auswirkt, erlebten auch die Bewohnerinnen und Bewohner von Nanjirinji. Waldschutz hatte für sie lange Zeit keine Priorität. Es fehlte ihnen das Wissen zur nachhaltigen Waldbewirtschaftung und die Erfahrung, wie sie ihre Produkte auf dem internationalen Holzmarkt zu angemessenen Preisen verkaufen können.
Hier setzt der WWF an. Er unterstützt die Menschen vor Ort dabei, ihre Position im Markt zu stärken. Zusammen mit den lokalen Gemeinschaften und Partnern hat der WWF ein Bewirtschaftungssystem eingeführt, welches den Gemeinscahften erlaubt,, den Wald nachhaltig zu nutzen., seine Produkte zu einem besseren Preis zu vekraufen und den Wald gleichzeitig zu erhalten.
Wichtig war dabei, die lokale Bevölkerung für den Waldschutz zu sensibilisieren und zu zeigen, wie man profitiert, wenn man den Wald nachhaltig nutzt. Azaria Kilimba, der seit über 10 Jahren als Forest Program Officer für den WWF in Tansania arbeite, beschreibt das Modell so: „Die Gemeinschaft weist einen Teil ihres angestammten Landes als Waldreservat aus. Im Gegenzug unterstützen wir sie dabei, einen kleineren Teil nachhaltig zu bewirtschaften und gleichzeitig mehr Gewinn zu erzielen, als wenn die ganze Waldfläche abgeholzt würde“
Im neuen System werden die Gewinne anders verteilt, erzählt Kilimba: „Wir haben ein System verankert, bei dem der Erlös aus der nachhaltigen Waldnutzung aufgeteilt wird: Ein Teil fliesst in Entwicklungsprogramme, um die Gemeinden aus der Armut zu holen. Ein Teil in die teschnische Unterstützung. Einen weiteren Teil inverstieren wir wieder in den Waldschutz.“
Zusammenarbeit trägt Früchte
Das Misstrauen unter den Dorfbewohnern war anfangs gross: „Wir dachten, der WWF wolle sich unser Land aneignen. Daher weigerten wir uns, am Projekt teilzunehmen“, sagt Dorfbewohner Abdalah Said Mpwanda. „Aber als wir das Projekt genauer prüften, wollten wir doch teilnehmen. Jetzt profitieren wir vom Wald und können ihn zugleich erhalten. Das Modell funktioniert.“
Kilimba erinnert sich an andere Startschwierigkeiten: „Als der erste Ertrag aus dem Verkauf des Holzes ausbezahlt wurde, liessen die Ältesten das Geld drei Monate lang liegen, da sie es noch nicth so recht als ihr eigenes betrachteten. Als sie sich bei uns über die schlechte Wasserversorgung im Dorf beklagten, sagten wir: `Das ist euer Wald und euer Einkommen. Gebt es für das aus, was ihr benötigt!’“ Heute hat Nanjirinji eine neue Grundschule, einen neuen Markt und fliessendes Wasser.
„Weil sich einzelne Baumstämme gewinnbringend verkaufen liessen, konnte das Dorf in die Infrastrukturen investieren“, sagt Valerie Passardi, Verantwortliche internationale Waldprojekte beim WWF Schweiz. Das Modell machte Schule, und Nanjirinji wurde landesweit als Erfolgsgeschichte im Naturschutz bekannt. Mittlerweile verfolgen bereits 48 Dörfer in Tansania das Modell zur nachhaltigen Waldbewirtschaftung. Gemeinsam schützen sie 5200 Quadratkilometer bedrohten Waldes – eine Fläche fast so gross wie der Kanton Bern.
Eine Gruppe aus 13 Dörfern in Kilwa (Tansania) erhielt im Jahr 2009 die Zertifizierung für nachhaltige Waldbeschwirtschaftung des Forest Stewardship Council (FSC) zugesprochen: die erste für gemeinschaftlich bewirtschaftete Naturwälder in Afrika überhaupt. Das Einkommen der Gemeinden hat sich um fast 50 Prozent erhöht. Die Zusatzeinnahmen setzen die Gemeinden unter anderem für Bildungsprojekte sowie für die Wasserversorgung und Gesundheitsversorgung ein.
Tiere kehren zurück
Auch die Natur profitiert von der nachhaltigen Waldbewirtschaftung in Tansania: Bedrohte und vertriebene Wildtiere wie Löwen, büffel und Elefanten kehren zurück. Die Dorfbewohnerinnen und -bewohner betreiben eine Baumschule und liefern Setzlinge für Pflanzungen in den stark degradierten Gemeindewäldern und staatlichen Wäldern. Bis 2018 wurden in Kilwa bereits über 10’000 Setzinge einer bereits ausgestorben geglaubten Baumart gepflanzt. Das Ziel dabei ist nicht, so viele Bäume wie möglich zu pflanzen. Vielmehr soll die wiederhergestellte Waldfläche ihre ursprüngliche ökologische Funktion wiedererlangen.
Doch die Bemühungen sind erste in Tropfen auf den heissen Stein. Tansanias Wälder sind in besorgniserregendem Zustand: Schätzungen zufolge gehen im Land jährlich 1800 Quadratkilometer Waldfläche verloren. Viele Familien betreiben Landwirtschaft für ihren eigenen Lebensunterhalt. Die Bevölkerung wächst. Brandrodung, um neues Ackerland zu gewinnen, ist zu einerder grössten Bedrohungen für die Ökosysteme geworden. Schlechte Ernten und Böden zwingen die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern ausserdem dazu, immer neue Felder zu erschliessen und dafür ständig mehr Wald zu roden.
Dieser Teufelskreis lässt sich durchbrechen, wenn man die Bedürfnisse der lokalen Gemeinschaften berücksichtigt und bessere Landwirtschaftstechniken anwendet. Der WWF schult die Bevölkerung und stellt Geräte zur Verfügung. So nutzen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in den WWF-Projektgebieten in Kilwa heute Methoden und Saatgut zum Anbau von Mais, Hirse, Sonnenblumen und Maniok, die besser als zuvor an Böden und Klima angepasst sind. Eine weitere Bedrohung für die Wälder ist die Gewinnung von Brennholz zum Kochen: Effizientere Holzöfen und kleinere Plantagen für Brennholz helfen, den Druck auf die Wälder zu reduzieren.
Die Armut bekämpfen
Solche Projekte sind erfolgreich, weil man die Bevölkerung vor Ort starkt miteinbezieht und auf Augenhöhe mit ihnen zusammenarbeitet. „Wir können nicht ernsthaft Waldschutz betreiben, wenn die Letue jeden Tag ums Überleben kämpfen müssen“, sat Valerie Passardi vom WWF Schweiz. „Wichtig ist, dass wir die Gemeinschaften darin unterstützen, ihre Position im Markt zu stärken, dadurch entkommen sie der Armut.“
Das Engagement vor Ort sei gross, so Passardi. Das gebe Hoffnung, dass die Menschen ihre Wälder auch über den Projekthorizont hinaus nachhaltig bewirtschaften. „Denn selbst in den Tropen wächst ein Baum in fünf Jahren nicht nin den Himmel.“
Geschrieben mit Jonas Schmid. Erschienen im März 2022 im WWF-Magazin 1/2022.
Hinterlasse einen Kommentar