Tages-Anzeiger // Jordanien verspricht Reisenden Mezze, Wüstenromantik und Kulturerbe von Weltrang. Wer das Land auf eigene Faust erkundet, findet zudem aufstrebende Designer, fortschrittlichen Ökotourismus und Tauchgeheimtipps.
Die Luft ist schwül-warm, Leuchttafeln und Strassenlampen werfen ein schummriges Licht in die Stadt, Lärm von Autos, Rollern und lautes Gerede füllen die Gassen von Amman. Wir finden unser Ziel in einem unaufgeregten Hinterhof: dunkelblaue Plastikstühle, eine laminierte kleine Karte, keinerlei Dekorationen, das Essen wir unprätentiös auf einfachen Keramikschalen und Papptellern serviert. Hier sollen laut unserem Reiseführer die weltbesten Falafel, frittierte Kichererbsenbällchen typisch für den Nahen Osten, zu haben sein. Ob es tatsächlich die weltbesten Falafel waren, können wir nicht abschliessend beurteilen. Aber sie waren sicher gut!
Amman, die Hauptstadt Jordaniens, mag auf den ersten Blick nicht viel versprechen. Doch es lohnt sich, eine Reise in Jordanien hier zu starten: bei näherem Hinschauen entdeckt man herzige Cafés und gute Restaurants, lokales Design und Handwerk und eine lebendige Kulturszene. Rund fünf Millionen Menschen leben hier – mehr als die Hälfte der Bevölkerung des Staates. Tradition und Moderne existieren nebeneinander: hier ein Händler, der in traditioneller Kleidung lose Gewürze in grossen Säcken anbietet, ein paar Häuser weiter die aufstrebende Designer eines Fairtrade-Mode-Label, die auf T-Shirts politische Statements drucken. Wir essen Mezze, hören arabische Gespräche und atmen den Duft von Gewürzen, Benzin und staubigen Strassen ein, werden überall freundlich empfangen und gleichzeitig unaufgeregt als zum Stadtbild gehörig ignoriert.
Jordanien als Urlaubsland zu mögen, fällt einem leicht. Das Königreich im Nahen Osten bietet auf relativ kleiner Fläche Sehenswürdigkeiten von Weltrang und atemberaubend schöne Natur. Anders als viele seiner Nachbarn ist es politisch seit Jahren relativ stabil und somit vergleichsweise sicher. Und dank einem guten Netz an Hotels und touristischer Infrastruktur ist man nicht auf Gruppenreisen und Tourbusse angewiesen, sondern kann das Land gut auf eigene Faust erkunden.
Wir verlassen die Lebendigkeit und Unermüdlichkeit der Stadt nach zwei Tagen und lassen uns auf den Staub und die Trockenheit der Wüste ein. Mit dem Mietauto fahren wir in Richtung Süden. Die Häuser dünnen aus, sandfarbene Ebenen und ein grauer Himmel dominieren die Landschaft und geben die Weite dieses Landes frei.
Unterwegs einfach mal stoppen
Jordanien ist mit dem Mietauto einfach zu erkunden. Die Strassen sind in gutem Zustand, der Verkehr angenehm, und die Tankstellen häufig und mit gut ausgestatteten Shops versehen. Dass zwei Frauen alleine mit dem Auto durch die Wüste fahren, löst hier allenfalls noch Verwunderung und Neugier aus, aber keine negativen Reaktionen. Und da die schönsten Touristenspots alle in angenehmer Fahrdistanz voneinander entfernt liegen, bietet sich die Reise im Mietauto an. Besonders, weil man dann auch unterwegs einfach mal stoppen kann: mitten in der Wüste, bei einer lauschigen Palmoase, an einem besonders schönen Aussichtspunkt. Denn das Land ist nicht dicht besiedelt und die Fahrt durch die Wüste ist schon ein Erlebnis an sich.
Darüber hinaus geizt Jordanien nicht mit Sehenswürdigkeiten. Am toten Meer baden wir im Schlamm und lassen uns im salzhaltigen Wasser treiben. Faul blinzeln wir in die gleissende Sonne, die durch den dunstigen Himmel drückt.
In der Ruinenstadt Petra sind wir von den monumentalen Grabtempeln beeindruckt, die mit ihrer schieren Grösse und Erhabenheit die Menschenmassen an diesem Touristen-Hotspots wettmachen. Junge Beduinen mit bunt geschmückten Kamelen und Eseln bieten sich als Führer an und zeigen gegen ein Entgelt die schönsten Fotospots. Wir lassen uns zu einer Kletterpartie auf einen Felsvorsprung überreden und enthalten einen Blick auf Petras bekannteste Ruine aus der Vogelperspektive. Zurück auf dem Talboden sind weitere Touristen angekommen, Händler verkaufen gekühlte Getränke und Souvenirs, wir geniessen den Rummel und nehmen uns trotzdem vor am nächsten Tag noch früher zurückzukehren, so dass wir vor den ersten Touristenbussen die Ruinen für uns haben. Später am Abend fahren wir zu einer Art Hintereingang von Petra, wo wir nach einer kurzen Wanderung den imposanten Felsentempel Ad Deir fast verlassen finden, und von einem nahen Aussichtspunkt Blick haben auf das Gebirge und eine Schlucht, die sich tief durch die Wüste gegraben hat.
Tauchen, Klettern und Wandern
Badeferien-Stimmung findet man in Aqaba – und einen Tauchgeheimtipp. Vor Jordaniens relativ kurzem Küstenabschnitt am Roten Meer liegt das Wrack der Cedar Pride, eines libanesischen Frachtschiffes, das dort 1985 versenkt worden ist und das bei Tauchtripps erkundet werden kann. Es ist mittlerweile Lebensort vieler Meerestiere. Darüberhinaus machen angenehm warmes Wasser und eine dank eines Meeresschutzgebietes vergleichsweise gut erhaltene Unterwasserlebenswelt den Golf von Aqaba zu einer schönen Tauchdestination – und einer, die erst von wenigen besucht wird. Wer Abenteuer lieber auf Land sucht, findet im nahen Wadi Rum ein Kletter-Mekka mit bizarre Felsformationen, die Anfängern wie auch Profis viele herausfordernde Routen bieten.
Zurück im Landesinnern besuchen wir am Schluss unserer Reise noch ein besonderes Projekt für sozialen und ökologischen Tourismus. Im Biosphärenreservat von Dana gibt es eine Ökolodge, die von den lokalen Beduinen-Gemeinschaften betrieben wird. Mit dem Pick-Up geht es auf holpriger Strasse tief hinein in die Wüste, bis am Talende ein weich geformtes Gebäude sichtbar wird. Die Lodge wurde von einem einheimischen Architekten gestaltet, wird mit Solarenergie betrieben, ist aus Naturmaterialien gebaut, die Zimmer strahlen erdigen Komfort und angenehme Wärme aus. Die lokalen Gastgeber betreiben nicht nur die Lodge, sondern übernehmen auch die Rolle von Wanderleitern und können auf Wunsch auch längere Trekkings durch die Wüste organisieren: Während wir durch ausgetrocknete Flussbette und über steinige Hügel wandern, erzählen sie uns von ihrem Leben mit der Wüste. Langsam nähert sich die Sonne dem Horizont und wir sitzen im Kreis um ein kleines Feuer. In einer alten Teekanne kocht unser Gastgeber Wasser für einen starken, süssen Tee auf. Das Knistern der Flammen ist zu hören, leises Gemurmel. Ansonsten Stille, wie man sie nur in der Wüste erlebt.
Erschienen am 12. März 2022 in der Beilage Reisen 1/2022 des Tages-Anzeigers.
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