Gut fürs (Wohn)Klima

Tages-Anzeiger // Unser Verhalten im Alltag hat einen grossen Einfluss aufs Klima, so auch das Wohnen. Zwei Experten zeigen auf, wo man beim Wohnen Emissionen vermeiden kann.

In allen Lebensbereichen stossen wir Emissionen aus. Und in allen gibt es
Möglichkeiten, diese zu begrenzen. Doch welche Handlungen nützen
dem Klima am meisten? Und welche Ökotipps machen in der CO2-Bilanz
nur wenig aus? Wir haben die Klimaexperten der Umwelt- und Klimaorganisationen
WWF und Myclimate gefragt.

Gut isolieren und erneuerbar Heizen

Den grössten Hebel, um CO2 zu sparen, hat man bereits vor dem Einzug. «Eine nach haltige Heizungslösung bewirkt viel», sagt Elmar Grosse Ruse von der Umwelt- und Klimaschutzorganisation WWF. «Öl- und Gasheizungen verursachen im Betrieb pro Winter mehr als doppelt so viele Treibhausgase wie der Bau und die Entsorgung einer neuen Wärmepumpenheizung inklusive Tiefenbohrung verursachen würde.» Die alte Ölheizung zu ersetzen, lohnt sich laut Grosse Ruse immer, auch wenn die alte Heizung noch nicht defekt ist. Und er rät Mietern: «Schreiben Sie Ihrer Vermieterin einen Brief und legen Sie ihr die Umstellung auf ein nachhaltiges Heizsystem nahe.» Ein zweiter wichtiger Hebel ist die Wärmedämmung des Hauses. «Schlecht isolierte Häuser verschwenden bis zu 80 Prozent mehr Wärmeenergie als gut gedämmte Gebäude. Damit gehören sie zu den grössten Energieschleudern.» Er rät deshalb, Fassaden, Fenster, Türen, Kellerdecke und Dach von Fachpersonen besser isolieren zu lassen. Und drittens: Strom vom Dach. Dazu Kai Landwehr von Myclimate: «Solaranlagen auf dem Dach produzieren sauberen Strom – sie brauchen Helligkeit, nicht unbedingt direkte Sonnenstrahlen.» Für alle genannten Massnahmen erhält man übrigens Fördergelder von Bund und Kantonen. Zudem wird man unabhängiger vom internationalen Gas-, Öl- und Strommarkt. Ein weiterer Tipp für Mieterinnen von Landwehr: «Eine einfache und wirksame Massnahme ist es auch auf Ökostrom zu wechseln.»

Sauber unterwegs

Über nachhaltiges Wohnen sprechen, ohne die Mobilität zu erwähnen, ist fast nicht möglich. Sie macht einen Viertel unseres CO2-Ausstosses aus. Bei der Wohnungswahl darauf zu achten, dass man Einkaufsmöglichkeiten zu Fuss, mit dem Velo oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreicht und dass man mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem E-Bike zur Arbeit fahren kann, lohnt sich also sehr. Ebenfalls lohnt sich das Umsteigen auf ein Elektroauto und der Einbau einer Ladestation. Oder vielleicht ist es bei Ihnen in der Nachbarschaft sogar möglich, ein Auto zu teilen?

Aus zweiter Hand

Wenn man einmal eingezogen ist, gibt es weitere Möglichkeiten, den CO2-Verbrauch gering zu halten. Ein häufig übersehener Punkt: Einrichtungsgegenstände secondhand kaufen. Denn bei der Neuproduktion von Möbeln oder Elektrogeräten fallen viele Emissionen an und wertvolle Ressourcen werden verbraucht. Es macht also Sinn, in Brockenstuben und Internet-Börsen nach Lieblingsteilen zu suchen. Ein Hinweis von Grosse Ruse dazu: «Wichtig ist hier, dass der Besuch im Brocki nicht planlos erfolgt oder als Ausrede für eine längere Autofahrt ge braucht wird.» Er rechnet vor: «Wenn beispielsweise für eine Jeans aus dem Brocki eine Autofahrt mit Benzinmotor von insgesamt 40 Kilometern zurückge legt wurde, dann lohnt sich das aus Klimasicht schon nicht mehr.»

Auch kann man überlegen, ob man gewisse selten benutzte Dinge mit seinen Nachbarn teilen kann: eine Bohrmaschine etwa oder den Rasenmäher. «Sharing hat in der Schweiz noch immenses Potenzial», sagt Landwehr. Wenn man Dinge doch neu anschafft, sollte man darauf achten, dass sie möglichst nachhaltig sind, rät er weiter. Das heisst, dass Elektrogeräte nach Energieeffizienzkriterien ausgesucht werden und dass bei Einrichtungsgegenständen, aber auch bei Kleidung auf Bio- und Nachhaltigkeitslabel geachtet wird. Dem pflichtet auch Grosse Ruse bei: «Lieber ein etwas teureres, qualitativ hochwertiges Lieblingsteil alle fünf Jahre kaufen, als jedes Jahr viele günstige.»

Strom und Wasser sparen

Wenn die Geräte, Möbel und Besitztümer erst mal in der Wohnung sind, lohnt es sich, diese energiesparend zu nutzen. «Als Glühmittel soll man konsequent LED einsetzen», sagt Landwehr. Und elektronische Geräte immer ausschalten und nicht in den Stand-by-Modus versetzen. Auch Massnahmen zum Wassersparen lohnen sich, auch im Wasserschloss Schweiz. «Kaltes Wasser ist für die Klimabilanz in der Schweiz wenig relevant. Aber die Aufbereitung von Warmwasser verbraucht viel Energie und verursacht häufig hohe CO2-Emissionen», weiss Grosse Ruse. Es lohnt sich deshalb bei Dusche und Lavabo Sparbrausen zu installieren und wenig verschmutzte Wäsche bei nur 20 Grad zu waschen. Und Wäsche an der Luft zu trocknen, statt im Tumbler. Wärme erzeugen braucht Energie, ob beim Wasser oder bei der Raumtemperatur. Deshalb ein weiterer Tipp: «Pullover tragen und Heiztemperatur um ein Grad runter. Stosslüften, statt Kippfenster dauernd geöffnet haben.»

Plastik ist nicht nur heikel

Andere vermeintlich nachhaltige Massnahmen hingegen schenkten nur wenig ein. «Selber Waschmittel oder Kosmetik herzustellen, lohnt sich aus Klimasicht nur wenig», sagt Grosse Ruse. Das könne Sinn machen, wenn man sicherstellen wolle, welche Inhaltsstoffe verwendet werden. Klimatechnisch ist es aber meistens nachhaltiger, industriell angefertigte Ökoprodukte zu verwenden, da dabei beispielsweise weniger Abfälle anfallen. Ein weiterer Umweltirrtum sei es, um jeden Preis ganz auf Plastik zu verzichten. «Wenn man etwa mit dem Auto weit in einen Unverpackt-Laden fährt, statt im normalen Supermarkt um die Ecke zu Fuss einzukaufen, geht die Bilanz nicht auf.» Plastikverpackungen helfen zudem, Lebensmittel länger haltbar zu machen und Lebensmittelverschwendung zu vermeiden. Etwas, das in der CO2-Bilanz weit mehr einschenkt als die Plastikverpackung an sich, wie Landwehr ergänzt. Selbstverständlich sei aber natürlich wichtig, dass der Plastik im Abfall entsorgt werde und nicht in der Umwelt landet.

Zu guter Letzt: grüner essen

Einen grossen Hebel, um klimafreundlicher zu leben, hat man in der Küche. Lebensmittelproduktion, insbesondere von Fleisch und Milch ist sehr CO2-intensiv. Unsere Ernährung macht rund 30 Prozent unseres CO2-Ausstosses aus. Wiederum 40 Prozent davon gehen auf das Konto der Fleisch- und Milchindustrie. Öfters mal auf Fleisch zu verzichten und Milchprodukte zu ersetzen, lohnt sich deshalb aus Klimasicht sehr. Ein weiterer Punkt, der überraschend gewichtig auf die Klimabilanz schlägt: Lebensmittelverschwendung macht rund einen Viertel unserer ernährungsbedingten Emissionen aus und entspricht 330 Kilogramm weggeworfener Lebensmittel pro Person und Jahr. Wer also sorgfältig einkauft und aufbraucht, was im Kühlschrank ist, hilft dem Klima viel.

Erschienen am 18. Mai 2022 in der Beilage Home 2 im Tages-Anzeiger.


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