Bergwelten // Rund um den Pizol in der Ostschweiz wandert man zwischen markanten Gipfeln und türkisblauen Bergseen durchs Weltnaturerbe. Hinter jeder Kehre, nach jedem Anstieg zeigt sich die Landschaft von einer anderen Seite.
Regentropfen klatschen an das Zugfenster und reißen uns an diesem frühen Morgen aus dem Halbschlaf. Das haben wir uns anders vorgestellt, Regen war nicht vorgesehen. Für die ganze Woche war strahlend schönes Wetter angesagt, ideale Bedingungen für die Erklimmung des Pizolgipfels und die Erkundung des gleichnamigen Wandergebiets in der Ostschweiz.
„Ja, das ist Natur, und das Wetter kann auch hier sehr unbeständig sein“, sagt Tobias Schulz, als er uns an der Talstation der Pizolbahnen in Wangs im Kanton St. Gallen in Empfang nimmt. Das Wetter schlage häufig um, es scheine die Sonne, es regne und schneie, aber vor allem: „Es kann hier extrem stark winden.“ Der 41-Jährige kennt die Gegend gut, ist er doch im nahen Liechtenstein aufgewachsen und war im Pizolgebiet schon als Bub Ski fahren. Heute arbeitet er bei den Pizolbahnen, mit viel Leidenschaft für diese wilde Welt. „Das Wetter sollte stabil und der Pizol bis zum Gipfel gut begehbar bleiben“, sagt er voraus und erinnert uns nochmals an den Sicherheitshinweis, der auch auf der Website zu lesen war: „Bleibt unbedingt auf dem markierten Weg – der Dauerregen diesen Sommer hat abseits davon seine Spuren hinterlassen.“ Wir nicken und besteigen die Sesselbahn, die uns zur Pizolhütte bei der Bergstation und damit auf rund 2.222 Meter Seehöhe bringt. Hier beginnt unser heutiger Wandertag.
Der Pizol mit seinen 2.844 Metern ist der erste und anspruchsvollste Gipfel des sogenannten Gipfelquartetts, einer herausfordernden Kombinaion von Wanderungen, die zudem den Hochwart (2.669 m), den Gamidaurspitz (2.309 m) und den Garmil (2.003 m) beinhaltet. Ambitionierte machen das an einem Tag. Wer es gemütlicher mag, teilt sich die vier Gipfel auf zwei Tagesetappen auf.
Wir starten also mit dem Pizol, nach dem das gesamte Gebiet benannt ist, und wollen sehen, wie sich das Wetter entwickelt. Eingepackt in warme Jacken gehen wir los, während sich über uns grau-blaue Wolken türmen. Nach einem Einlaufen über moorige Wiesen folgt ein erster Anstieg über mehere Spitzkehren. Auf dem Sattel, dem sogenannten Wildseeluggen, eröffnet sich ein fantastischer Ausblick: Der türkisblaue Wildsee liegt in einer hochalpinen Landschaft, über der sich unser Gipfelziel imposant erhebt.
Zeugen der Erdgeschichte
Tiefrot wiederum leuchtet es einem zwischen verschiedenen Grauschattierungen entgegen, dann schwefelgelb oder bläulich grün. Das Gestein prägt hier die Landschaft. Das Pizolgebiet ist Teil der Tektonikarena Sardona, und die wiederum ist UNESCO-Weltnaturerbe. Die Region bietet eine ungewöhnlich hohe Dichte an Zeugen der Erdgeschichte, sogenannte Geotope, und ist damit eine Pilgerstätte für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt. Die verschiedenartigen Gesteinsunterlagen ermöglichten außerdem die Entwicklung der vielfältigen alpinen Pflanzen- und Tierwelt und wertvoller Lebensräume wie Hochmoore und Schwemmebenen. Ganz unterschiedliche alpine Landschaften also – und das auf relativ kleinem Raum.
Mittlerweile sind wir im Geröll und am Rande letzter Schneefelder unterwegs. Wie die Spuren einer Schnitzeljagd ziehen sich die rot-weißen Wegmarkierungen über das Gestein. Wir durchqueren das Geröll und folgen den Zeichen zum Aufstieg in den Fels. Der Weg wird jetzt blau-weiß und damit anspruchsvoller. Viele Passagen sind exponiert, einzelne Stellen durchqueren wir vorsichtig mithilfe von Stahlseilen, an denen wir uns hinaufziehen und später wieder herunterlassen. Wir sind allein auf dem Weg und genießen die Stille, die die Bergwelt noch gewaltiger erscheinen lässt.
Kleine Gipfelstürmerin
Bis wir plötzlich Stimmen hören: „Komm jetzt wieder da rauf. Was machst denn du jetzt da unten?“, hören wir einen Mann. Spricht er mit einem Kind? Das wäre überraschend, denn das Gelände ist definitiv keines, in dem Kinder auf eigene Faust im Fels herumspringen sollten. Als wir um den nächsten Felsblock gehen, löst sich das Rätsel: Eine Gruppe älterer Wanderer kommt uns entgegen – und ein kleiner weißer Hund, ein West Highland White Terrier, der trotz seiner geringen Größe selbstbewusst seinen Weg durch die großen Felsbrocken findet. Die Hundedame sei schon auf vielen Gipfeln gewesen, erzählt uns ihr Besitzer stolz. Tragen müsse er sie nur bei sehr steilen Kletterstellen.
Der Weg folgt nun dem zackigen Grat, fällt häufig auf eine oder beide Seiten steil ab und ermöglicht 360-Grad-Aussichten weit in die umliegenden Bündner und Glarner Alpen und ins Flachland in Richtung Bodensee. Wir laufen, krabbeln, klettern den Wegzeichen entlang, bis wir das Gipfelkreuz nur wenige Meter über uns sehen. Ein letzter Anstieg, und es ist geschafft. Wir verewigen uns im Gipfelbuch, genießen das Panorama, beschliessen aber wegen des kühlen Windes, dass wir uns die Picknickpause doch lieber etwas weiter unten gönnen.
Vorsichtig machen wir uns an den Abstieg, es fällt erstaunlich leicht, und im Nu nähern wir uns wieder dem türkisblauen Wildsee. Ambitioniertere Wanderer würden an dieser Stelle für den zweiten Gipfel in Richtung Hochwart abzweigen. Ein Blick auf die Uhr verrät uns jedoch, dass wir länger unterwegs waren als gedacht. Hat die Höhe unsere Zeitwahrnehmung ein bisschen durcheinandergewirbelt? Wir wandern zurück zur Pizolhütte und weiter hinunter zum Berghotel Gaffia, wo wir nach einem guten Bergznacht in diesem hundertjährigen Steingebäude übernachten, das mit seinem holzgetäfelten Speisesaal und den einfachen Zimmern Träume an längst vergangene Zeiten verspricht.
Die Farbe von Wasser
Am zweiten Tag strahlt die Morgensonne in die Schlafzimmer. Wir beeilen uns, um das schöne Wetter nicht zu verpassen. Schließlich wollen wir mit dem Gamidaurspitz einen weiteren Gipfel des Quartetts erklimmen und auch die Bergseenwelt zwischen Gamidaurspitz und Hochwart erkunden. Im morgendlichen Sonnenlicht durchqueren wir blühende Almwiesen und legen bereits einige Höhenmeter bis zum ersten Gewässer zurück.
Am Baschalvasee wird erst einmal gerastet, wir genießen den Ausblick ins Rheintal und beobachten ein Rudel Gämsen, das halsbrecherisch den Berg runterspringt. Hier treffen wir die ersten Tages- wanderer: Ein Paar aus Zürich ist auf dem Klassiker unterwegs, der sogenannten 5-Seen-Wanderung. Die beiden schätzen die Nähe des Wandergebiets zu ihrer Heimatstadt und das abwechslungsreiche Gelände, das für einen Tagesausflug erstaunlich alpine Bergerlebnisse ermöglicht. Die beiden machen die Wanderung in der uns entgegengesetzten Richtung; sie sind schon fast am Ende ihres Ausflugs. Wir hingegen wandern via Gamidaurspitz zu einer mit Steinmännchen übersäten Hochebene.
Seit wann diese Steinmännchen hier stehen, weiß man nicht genau – die Fülle an Formationen lässt nur erahnen, wie lange es gedauert haben muss, jedes Häufchen aufzuschichten.
Steil und im Zickzack geht es nun hinunter zum Schwarzsee. An manchen Stellen macht er seinem Namen alle Ehre, an anderen scheint er eher dunkelgrün. Still und kühl ist er aber überall. Über einen weiteren Sattel nähern wir uns dem Schottensee. Welche unterschiedlichen Farben Wasser haben kann! Hier ist es leuchtend türkis. Steinformationen am Ufer laden zum Verweilen ein. Auf der einen Seite der Ausblick ins steil abfallende Tal, auf der anderen jener zum imposanten Pizolgipfel. Dass dieser Ort Teil einer beliebten Wanderung ist, wird klar, als uns nun immer mehr Grüppchen entgegenkommen.
Für uns wird es Zeit, zu einem Ende zu finden und die Tour mit dem Wildsee zu beenden, an dem wir gestern vorbeigekommen sind, als wir in Richtung Pizol abgezweigt sind. Auch der Pizolhütte statten wir noch einen letzten Besuch ab. Hier gönnen wir uns ein Zvieriplättli, das mit unterschiedlichen Käse- und Schinkensorten, Salami, Feigen und Alpenkräutern aufwartet. Der Blick über den Plättlirand gestaltet sich genauso abwechslungs- reich: die von Wolkenschleiern durchzogene, wilde Gesteinswelt, ihre idyllischen Landschaften, ihre abenteuerlichen Gipfel.
Erschienen im Juli 2022 im Bergwelten 03/2022.
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