WWF Magazin // Madagaskar ist bekannt für seine Artenvielfalt. Doch jetzt leidet die afrikanische Insel unter der Klimakrise. Sie führt zu Hunger, Dürre und Stürmen. Der WWF Schweiz hilft mit konkreten Projekten vor Ort.
Der rote Staub bedeckt alles, so weit das Auge reicht. Kilometerweit ausgedörrtes Land, ab und zu stacheliges Dickicht. Hier im Süden von Mdagaskar lag einst kostbarer Boden, auf dem Mais gut gedieh. Verheerende Sandstürme und der drastische Rückgang an Niederschlägen haben jede Hoffnung auf eine Ernte zunichtegemaht. Die zunehmende Trockenheit und die Hitze lassen den Boden weiter erodieren. Nanie Ratsifandrihamanana, Geschäftsleiterin des WWF Madagaskar, sagt: „Hier ist die Klimakrise für die Menschen mehr als ein Wort. Sie ist Relaität.“
Menschen mit Widerstandskraft
Der WWF Schweiz finanziert und unterstützt mehrere Projekte auf der Insel. Projektberaterin Bella Roscher ist regelmässig vor Ort und kennt deshalb die schwierigen Lebensumstände auf Madagaskar. Sie ist immer wieder aufs neue beeindruckt von der Resilienz der Menschen: „Wir, die wir Schweizer Komfort gewohnt sind, würden diese Lebensbedingungen nicht aushalten.“ Durch die Klimakrise verstärkte Extremwetter setzen den Menschen aber je länger, je mehr zu. Zudem kommt die unvergleichliche Artenvielfalt Madagaskars durch die Klimaerhitzung zunehmend unter Druck. Die Armut zwingt die Menschen, vom trockenen Süden in den fruchtbaren Norden zu wandern. Um Land für neue Ackerflächen zu gewinnen, betreiben einige von ihnen in den Wäldern Brandrodung, was Artensterben und Klimakrise weiter antreibt.
Die Klimakrise zu bewältigen und die einzigartige Vielfalt von Tier- und Pflanzenarten in Madagaskar zu erhalten, sind zwei Seiten der Gleichen Medaille. Die Wälder speichern zum Beispiel Kohlenstoff und mindern so die Erderhitzung. Die Projekte des WWF fokussieren sich auf Regionen, wo Menschen mit gefährdeten Arten in Berührung kommen. Meistens sind das sehr abgelegene Gebiete, in denen die Menschen in grosser Armut leben.
Der WWF Schweiz unterstützt Projekte in den drei Regionen Mahafaly, Manabolo Tsiribihina und Northern Highlands. Ein Besuch vor Ort hat diesen Sommer die enormen Herausforderungen für Bewohnerinnen und Bewohner aufgezeigt. Zusammen mit ihnen sucht der WWF Wege, die Lebensbedingungen für die Leute nachhaltig zu verbessern und die artenreichen Lebensräume zu erhalten. Die Menschen sollen langfristig ein Einkommen erzielen können, das ihnen ein Leben in weniger Armut ermöglicht.
Leben ohne Strom
Nur fünf Prozent der Bevölkerung in den ländlichen Gebieten Madagaskars haben Zugang zu Elektrizität. Dieses grundlegende Problem geht das Projekt Barefoot College an. Die einzige Lichtquelle sind Kerosinlampen. Doch die sind zu wenig hell, zu russig und zu teuer, um etwa Hausaufgaben oder Haushaltsarbeiten zu machen. Das Barefoot College setzt hier an: Es ermöglicht Frauen aus ländlichen Regionen eine fünfmonatige Ausbildung zur Solartechnikerin. Bella Roscher erzählt: „Die Solarlampen beleben die Dörfer. Neue Geschäftsideen entstehen, zum Beispiel Essensstände, und die Dorfbewohner:innen können Musik hören und ihre Mobiltelefone laden, um einfacher mit der Aussenwelt zu kommunizieren.“
Effiziente Kochherde
Auf Madagaskar wird vor allem mit Holz oder Holzkohle gekocht, darum ist der Zugang zu Brennholz sehr wichtig. Die Menschen vor Ort entwickeln mit Unterstützung des WWF Kochherde, die nur halb so viel Holz oder Kohle verbrauchen. Es gibt mobile Kochherde und Modelle, die fix im Haus installiert werden. Weil sie so effizient sind, nimmt der Holzverbrauch ab. Damit sinkt der DRuck auf die Wälder, was positiv für Biodiversität und Klima ist.
Ein zweiter Entwicklungszweig des WWF-Projektes ist es, nachhaltigeres Brennmaterial zu entwickeln. Gemeinsam mit dem WWF hat nun beispielsweise Rémy, ein lokaler Unernehmer aus Tuléar, Briketts aus Bioabfall entwickelt. Damit lassen sich die Kochherde heizen, erzählt Rémy: „Die Briketts sind eine klimafreundliche Alternative zu Brennholz und Holzkohle.“ So lässt sich ein Abfallprodukt weiterverwerten, und es wird weniger Wald abgeholzt.
Gemüse und Ingwer neben Vanillestauden
Beim dritten WWF-Projekt im Norden Madagaskars geht es um die lokale Bevölkerung, die ein Waldschutzgebiet verwaltet. Die Vanillebäuerinnen und -bauren sind auf die Wälder ausserhalb des Schutzgebietes angewiesen, weil Vanille eine Rebe ist und Bäume braucht, um wachsen zu können. Bella Roscher erklärt die Situation so: „Mit traditionellen Technike ist die Vanilleplantage nach fünf Jahren nicht mehr produktiv, sodass die Bäuerinnen und Bauern neue Flächen im Wald suchen und nutzen.“
Für die Bäuerin Rozafy Rasoaniriana ist klar: „Die Wälder sind für uns unverzichtbar. Wir können nicht auf trockenem Boden pflanzen, weil Vanille viel Wasser und Schatten braucht. Wenn diese Wälder verschiwnden, kann die Vanilleindustrie nicht überleben.“ Sie hat sich deshalb einer vom WWF unterstützten Kooperative angeschlossen.
Die Kleinbäuerinnen und -bauern praktizieren dort Anbaumethoden, die an die veränderten Klimabedingungen angepasst sind. Die neuen Methoden schonen den Boden und verbessern die Erträge. Daneben lernen sie, weitere Produkte wie Ingwer oder Gemüse anzubauen. So sind sie weniger abhängig von den internationalen Marktpreisen einzelner Produkte, die zum Teil grossen Schwankungen unterliegen, was besonders bei Vanille der Fall ist.
Klar ist: Die globale Klimakrise lässt sichc nur auf internationaler Ebene bewältigen. Doch im Kleinen kann der WWF mit Menschen vor Ort wie in Madagaskar Lösungen entwickeln, die der Bevölkerung nützen und auch die Umwelt schonen. Die Natur wird so unter widrigen Umständen besser geschützt und nachhaltiger genutzt. Und eine gesunde Natur hilft der Artenvielfalt und schützt auch das Klima.
Erschienen im November 2022 im WWF-Magazin 4/2022.
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