Staunen. Fragen. Handeln?

WWF Magazin // Was ist Natur? Wo hört sie auf, und wo fangen wir Menschen an? Das Stapfer­haus wagt sich mit der Ausstellung «Natur. Und wir?» an grosse Fragen. Die Annäherung gelingt, auch weil viele Besucher:innen in Lenzburg einen neuen Blick auf sich selbst und die Natur gewinnen.

Kategorisiert, katalogisiert, in Schaukästen geordnet, erlegt und als Präparate und Trophä­en unschädlich gemacht: So hat sich der Mensch die Natur über Jahrhunderte fassbar und ver­stehbar gemacht. Über diese Bilder tritt man ein in die Ausstellung «Natur. Und wir?» im Stapferhaus in Lenzburg AG. Die Natur ist Bedrohung, ist zu ordnen, ist zu schützen. So weit, so bekannt. Aber ist das alles? Dieser Frage geht das Stapferhaus in seiner aktuellen Ausstel­lung nach.

Unendliche Weiten

Eine Treppe führt in den Hauptraum der Ausstellung: Was für ein Kontrast zum archivalischen, nüchternen ersten Raum! Man taucht ein in eine weiträumige, unfassbare Welt. Der schwarze Raum erin­nert an das Weltall, den weitest möglichen Naturbegriff. Auf halbdurchsichtigen Stoffbahnen und hohen Stelen werden Satellitenbilder neben Nahaufnahmen gezeigt, etwa von einem Spinnennetz. Die Makro-­ und Mikroperspektiven zeigen, dass die menschliche nur eine Sicht auf die Komplexität der Natur ist.

Über verschiedene Themenstationen tauche ich in die Natur ein. Immer wie­ der werde ich mit Fragen konfrontiert, die jede und jeder nur für sich selbst beantworten kann: Was ist Natur? Was be­deutet sie mir? Wo ziehe ich die Grenzen? Sei es bei einer Station, wo es um unser Verhältnis zu Tieren wie Blinden­hunden geht, die für uns Aufgaben über­nehmen, und auch um deren Rechte. Oder bei der Frage, ob Pflanzen kommu­nizieren können und ob ein Basilikum auf meine Berührung mit elektrischen Impulsen reagiert. Ich erfahre, wie Im­pulse in Ton­ und Bildsignale umgewan­delt und damit auch für uns Menschen wahrnehmbar werden.

Die Ausstellung setzt undogmatisch bei jedem Einzelnen an. Es ist beim Be­such nicht entscheidend, wie man zur Klimakrise und zu den Lösungen steht. Vielmehr geht es um ein Hinterfragen, ein Sich­-Auseinandersetzen mit etwas viel Grundsätzlicherem. «Das Stapfer­haus greift gesellschaftliche Themen auf und will zum Diskurs anregen. Wir ver­stehen das als Beitrag zur Demokratie», sagt Celia Bachmann, die für die Vermitt­lung zuständig ist. «Gerade bei einem politisch so geladenen Thema wie der Kli­makrise sind die Meinungen häufig schon gemacht, höchst emotional und festge­fahren. Wir versuchen deshalb, die Leute thematisch eine Stufe vorher abzuholen. Dort, wo noch Staunen möglich ist.»

Gestaunt wird: Zum Beispiel über den Boden eines Ausstellungsraumes, der aus Pilzen gezüchtet ist. Darüber, dass die Ausstellung, wenn man möchte, barfuss begangen werden kann und welchen entschleunigenden Effekt dies auf den Ausstellungsbesuch hat. Über die faszi­nierenden Farben und Formen der Mikroben, mit denen wir Luft und Raum teilen, was unter dem Mikroskop sicht­bar wird.

Gefühl der Ehrfurcht

Die Ausstellung berührt die Menschen auf eine Weise, die weit über blosse Informationsvermittlung hinausreicht. «Viele verlassen die Ausstellung in einer andächtigen Stimmung, wie wenn sie aus einer Kirche kämen», erzählt Celia Bach­mann. Damit sei für sie ein wichtiges Ziel der Ausstellung erfüllt. «Mitten im Wald oder auf einem Berggipfel spürt man die Erhabenheit der Natur. Wir wollten ein ähnliches Gefühl auslösen.»

Dass wir Menschen diese Natur auch kaputtmachen, das wird in der Ausstel­lung aber nicht ausgeklammert: Im Zen­trum des Ausstellungsraumes sehe ich, wie viel Müll an einem Tag aus der Lim­mat gefischt wird. Oder anhand von Eierschalen, wie viele Mastküken an einem Tag geschlachtet werden. Und Menschen aus aller Welt erzählen, was die Klima­krise für ihren Alltag bedeutet.

Wie aber gehen wir weiter in die Zukunft mit der Natur? Am Schluss der Ausstellung regt ein fiktives Diskussionspanel zum Gespräch an. Ich höre Argumente zum Umgang mit der Klimakrise, meine eigenen schon so oft abgespulten, die Gegenpositionen und dann neue Ansätze. Das hilft, dass man sich nicht in eine Ecke gedrängt fühlt, dass man offen zuhört.

Am Schluss der Ausstellung wird man auf sich selber zurückgeworfen. «Welche Spuren hinterlässt du?» ist die letzte Fra­ge, die ich mitnehme. Die Ausstellung führt dazu, dies für sich nochmals ganz vorbehaltlos und selbstkritisch zu prü­fen. Und wer weiss, vielleicht führt die Antwort vom Staunen zum Handeln.

Erschienen im Februar 2023 im WWF-Magazin 1/2023.



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