WWF Magazin // Einst war der Lachs bei uns weit verbreitet. Doch Wasserkraftwerke und andere Wanderhindernisse führten zu seinem Aussterben. Bald kommt er zurück. Eine Erfolgsgeschichte? Ja – doch es bleibt noch viel zu tun.
Eine Million Lachse: So viele schwammen vor 100 Jahren noch im Rhein, der damals der grösste Lachsfluss Europas war! In Schweizer Gewässern geboren, schwammen die Lachse den Rhein hinunter bis in den Atlantischen Ozean – mitunter bis vor die Küste Grönlands. Im Meer wurden sie gross und stark. Jahre später schwammen sie den ganzen Weg wieder zurück zu ihren Geburtsflüssen Thur, Reuss und Aare – um sich fortzupflanzen und dann zu sterben.
Die Reise der Lachse zeigt, wie eng alle Teile unserer Natur miteinander verwoben sind, auch wenn die Schauplätze weit voneinander entfernt liegen. Sie ist ein Kreislauf, der Nährstoffe und Leben vom Meer von Grönland bis etwa an die kiesigen Ufer der Thur vor Andelfingen ZH zurückbringt. Jahrhundertelang hat dieser Kreislauf funktioniert.
Kanäle und Kraftwerke
Doch dann griff der Mensch ein. Zwängte Flüsse in Kanäle und baute Kraftwerke. Den Lachsen wurde mit unzähligen Hindernissen der Weg versperrt. Sie konnten nicht mehr zwischen Süss- und Salzwasser hin- und herwandern, wie es ihr Lebenszyklus erfordert. So ist der Lachs seit den 1950er-Jahren komplett aus dem Rhein verschwunden.
Seit Jahren arbeitet der WWF deshalb mit Partnern daran, den Lachsen den Weg zurück in die Schweiz freizumachen. Was lange gedauert hat, wird bald gut. Bis 2027 sollen die letzten Hindernisse im Rhein fischgängig gemacht werden, momentan sind es nur noch drei im Elsass. Doch ist die Schweiz bereit für die Rückkehr des alten Bekannten?
Christian Hossli, Projektleiter beim WWF Schweiz, sagt ja, fügt aber an: «Flüsse müssen eine gewisse Beschaffenheit haben, damit sich Lachse darin wohlfühlen. Davon sind wir bei einigen Flüssen noch weit entfernt.» Einiges wurde bereits gemacht, zum Beispiel an der Sihl am Zürcher Hauptbahnhof. Doch es bleibt noch viel zu tun. Das Gewässerschutzgesetz von 2011 verlangt die Revitalisierung von 4000 Kilometern Fliessgewässer, heute sind wir erst bei 160 Kilometern (Stand 2019). Die Kantone sind für die Revitalisierungen verantwortlich. Der WWF unterstützt sie und informiert die Öffentlichkeit. «Wenn die Bevölkerung hinter dem Lachs-Comeback steht und versteht, wieso gesunde Flüsse wichtig sind, erleichtert das den Kantonen die Arbeit», sagt Hossli.
Raum für eine verlorene Art
Der Kanton Basel-Stadt engagiert sich schon länger für die Rückkehr des Lachses. So hat er die Birs für die Rückkehr des Lachses vorbereitet. Nun ist die Wiese dran. «Bereits wurde der monotone Unterlauf der Wiese revitalisiert», sagt Hans-Peter Jermann, kantonaler Fischereiaufseher von Basel-Stadt. «So sind innerhalb des Flussbetts etliche Lebensräume für Jungfische und auch Rückzugsbereiche entstanden.» Der Aufwand lohnt sich, ist Jermann überzeugt. «Wenn Lachse dereinst bis nach Basel und darüber hinaus aufsteigen, in unseren Gewässern laichen und aufwachsen, haben wir nicht nur eine verlorene Art zurück, sondern ein Ökosystem aufgewertet. Wir schaffen so auch Lebensraum für viele andere gefährdete Fischarten.»
Auch der Kanton Aargau macht die Gewässer bereit für den Lachs. Im Etzgerbach wurden die Wanderhindernisse bereits entfernt, erzählt Corinne Schmid, die beim Kanton für die Fischerei zuständig ist. Sie weiss, dass die Arbeit noch nicht zu Ende ist: «Die angesiedelten Junglachse überleben in den ausgewählten Aargauer Gewässern gut und wandern ab in Richtung Meer. Doch es sind noch nicht alle Gewässer gut genug mit dem Rhein vernetzt, sodass eine Rückkehr der erwachsenen Lachse in ihre Laichgewässer im Aargau noch nicht an allen Orten möglich ist.» Neben Projekten in den Kantonen Basel und Aargau sind solche in Bern, Zürich, Solothurn, Luzern und Thurgau wichtig.
Ein Gütesiegel für den Fluss
Dass unsere Flüsse revitalisiert werden, ist auch wegen der Klimaerhitzung wichtig, sagt WWF-Projektleiter Hossli: «Lachse lieben kühles Wasser. Wir müssen also Flusslandschaften revitalisieren und vernetzen, damit die Fische in Hitzeperioden tiefe, kühle Stellen aufsuchen können.» Bereits sind zwei von drei Fischarten in der Schweiz vom Aussterben bedroht. «Wenn wir unsere Flüsse nicht rechtzeitig revitalisieren, werden wir noch mehr Arten verlieren!»
Hossli arbeitet seit fünf Jahren an der Rückkehr der Lachse, nach wie vor mit viel Begeisterung: «Ich finde es unglaublich spannend, wie in der Natur alles zusammenwirkt. Der Lachs ist eine Art Gütesiegel für Gewässer: Wenn er sich an einem Ort wohlfühlt, ist das Gewässer insgesamt in einem guten Zustand.» Für den Artenschutz ist die bevorstehende Rückkehr des Lachses ein grosser Erfolg. Der Fisch wäre ein weiteres Puzzleteil für ein funktionierendes Ökosystem in der Schweiz.
Erschienen im Mai 2023 im WWF-Magazin 2/2023.
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