Wie resilient sind wir?

Pro Juventute Magazin // Resilienz ist das Wort der Stunde. Wie resilient sind wir als Gesellschaft und als Einzelperson gegenüber Stresssituationen? Und was können wir tun, um Kinder und Jugendliche in stressigen Zeiten besser zu unterstützen?

Jeder kennt das Gefühl: Irgendwo zwischen Angst, Unruhe und Gereiztheit setzt es sich in der Magengegend fest und lähmt einen, wenn man sich doch beeilen sollte. Wir sind gestresst! Stress entsteht, wenn man Herausforderungen, vor die man gestellt wird, nicht mehr bewältigen kann. Oder anders ausgedrückt: Wenn man die mentalen, fnanziellen, sozialen oder körperlichen Ressourcen nicht hat, um eine Situation zu meistern. Das kann in allen Lebensbereichen der Fall sein. Wenn verschiedene Herausforderungen, etwa bei der Arbeit und in der Familie, zusammenkommen, verschärft sich der Druck auf die betreffende Person.

Stress betrifft nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder und Jugendliche. Gerne verbinden wir die Kindheit und Jugendzeit mit Unbeschwertheit und Sorglosigkeit. Das dem nicht so ist, zeigt eine Studie von Pro Juventute aus dem Jahr 2021. Ein Drittel der Kinder und Jugendlichen zeigt eine hohe Stressausprägung. Das ist viel! Und nicht gut. Gestresste Kinder und Jugendliche ziehen gesellschaftliche Auswirkungen nach sich. Psychische Krankheiten und auffälliges Verhalten nehmen zu. Und nicht zuletzt sind Kinder und Jugendliche, die nicht gelernt haben, mit Stress umzugehen, auch als Erwachsene gefährdet, Stress nicht bewältigen zu können und beispielsweise an Burn-out zu erkranken oder noch weiter aus dem System zu fallen – zum Beispiel in die Arbeitslosigkeit oder Isolation.

Extreme Individualisierung, Fokus auf Leistung

Wie aber kommt es dazu, dass so viele Menschen und sogar Kinder gestresst sind? «Wir stehen in einer Phase der extremen Individualisierung aller Bereiche des Lebens», sagt Tracy Wagner, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Pro Juventute. «Wenn jemand erfolgreich ist, hat er oder sie es als Individuum geschafft. Wenn jemand keine Lehrstelle findet oder Sozialleistungen beziehen muss, hat er oder sie als Person versagt. Der Gedanke hingegen, dass eine Person vom System benachteiligt war, dass also das System versagt hat, findet erst langsam Eingang in die öffentliche Debatte.» Eine zweite Problematik sieht Wagner in dem ebenfalls sehr starken Fokus unserer Gesellschaft auf Leistung: «In der Schweiz werden Menschen vor allem über den Beruf und ihren beruflichen Erfolg definiert. Andere Faktoren, wie soziales Verhalten oder Engagement für die Gemeinschaft, werden wenig wertgeschätzt.» Bereits Kinder kommen mit diesen beiden Problematiken in Berührung. «Dies fördert Stresssituationen im Leben vieler Kinder und Jugendlicher, und schürt auch die Angst sich Hilfe zu holen, weil man das Gefühl hat, versagt zu haben und selbst schuld daran zu sein.»

Resilienz: mit Stress umgehen lernen

Um das Stresslevel zu senken, gibt es zwei Varianten. Entweder werden die Herausforderungen, die den Stress verursachen, gemildert. Diese sind aber häufig gesellschaftlich und strukturell bedingt, etwa die ungleichen Chancen bei der Lehrstellensuche. Hier Verbesserungen zu erzielen ist ein langwieriger Prozess. Die zweite Variante ist, die persönlichen Ressourcen, um diese Herausforderungen zu bewältigen, zu stärken, also akut innerhalb des Systems Hilfe in Anspruch zu nehmen. Hier setzt Pro Juventute an.

Denn es zeigt sich bei Kindern wie auch bei Erwachsenen, dass manche rasch unter grossem Stress leiden, während andere selbst mit schlimmen Ereignissen gut umgehen können. Fachpersonen nennen diese Widerstandsfähigkeit Resilienz. Wagner ordnet ein: «In der Resilienz liegt der Schlüssel, ob belastende Situationen unsere psychische Gesundheit schwächen oder ob wir gestärkt aus einer schwierigen Situation heraustreten.»

Eine sichere Bindung gibt Rückhalt

Wie aber können Kinder und Jugendliche Resilienz entwickeln? «Eine ganz wichtige Rolle kommt den Eltern und Bezugspersonen zu», sagt Wagner. «Die Forschung zeigt: Der Erwerb von Resilienz wird vorwiegend durch das Umfeld geprägt. Dieses gibt Kindern Rückhalt. Sie lernen dadurch, sich und anderen zu vertrauen.» Die Basis für eine sichere Bindung wird bereits im ersten Lebensjahr gelegt. Verlusterfahrungen können eine Bindung jedoch auch später ins Wanken bringen, während positive Erfahrungen unsichere Bindungsmuster korrigieren können. Was Kinder brauchen, um sichere Bindungen aufzubauen, ändert sich mit zunehmendem Alter. Babys sind von ihren Bezugspersonen abhängig und verlangen nach viel Nähe. Beim Kleinkind wächst das Bedürfnis nach Autonomie. Aber auch für ältere Kinder und Jugendliche ist es wichtig, die Unterstützung ihrer Bezugspersonen zu spüren. Mit diesem Rückhalt können sie selbstständiger werden und sich von ihnen loslösen.

Eltern unterstützen, Kinder ermächtigen

Nicht alle Eltern haben die gleichen Möglichkeiten, ihre Kinder zu unterstützen. Pro Juventute engagiert sich deshalb in drei Bereichen, damit möglichst viele Kinder und Jugendliche Resilienz entwickeln und Stresssituationen zu bewältigen lernen können.

Beziehungen stärken: Das soziale Netzwerk ist einer der wichtigsten Faktoren für die Stärkung der persönlichen Resilienz. Deshalb hat Pro Juventute spezifische Angebote für Eltern und insbesondere für die Zeit der frühen Kindheit entwickelt. Die «Elternbriefe» etwa begleiten Eltern während der ersten Lebensjahre ihrer Kinder. Und die Pro Juventute Elternberatung ist rund um die Uhr für die Sorgen und Anliegen von Eltern da.

Kompetenzen aufbauen: Grosse Stressfaktoren im Leben von Jugendlichen sind der Übergang ins Berufsleben und die sozialen Medien. Pro Juventute stärkt deshalb die Kompetenzen von Jugendlichen in diesen zwei Bereichen, sodass sie Herausforderungen überlegt meistern können. So üben Jugendliche bei den Bewerbungstrainings von Pro Juventute ohne Druck ein Bewerbungsgespräch. Und der Medienprofi-Workshop zeigt ihnen, wie sie soziale Medien souverän nutzen können.

Akut helfen: In den sozialen Medien zeigt Pro Juventute, dass es in Ordnung ist, früh mit jemandem über Sorgen zu sprechen, also nicht erst bei Suizidgedanken, sondern durchaus schon bei Liebeskummer. Und mit der Notrufnummer 147 hilft Pro Juventute bei Sorgen und in akuten Notsituationen.

Chancenungleichheit als Stolperstein

Pro Juventute bemüht sich, dass Chancenungleichheit abgebaut und nicht etwa gefördert wird. «Wir laufen mit vielen Angeboten sonst Gefahr, dass wir nur jene Kinder bedienen, die sowieso schon bessere Voraussetzungen haben. Etwa indem wir mit den Eltern-Workshops jene Eltern erreichen, die sich die Zeit nehmen können, sich zu informieren», erklärt Wagner. «Wichtig ist aber, dass wir auch jene Kinder unterstützen können, deren Eltern keine Zeit dafür haben, etwa weil sie alleinerziehend sind oder lange Stunden in Niedriglohnjobs arbeiten.» Dies seien nämlich häufig Kinder, die durch sozioökonomische Faktoren zusätzlich gefährdet sind, im Alltag Herausforderungen bewältigen zu müssen, die Stress verursachen können.

Politik ist gefordert

Die Angebote von Pro Juventute leisten wichtige Unterstützung im Leben vieler Familien. Aber viele der Herausforderungen, denen Kinder und Jugendliche begegnen, sind in unserer Gesellschaftsstruktur verankert. Wenn wir diese ändern wollen, braucht es politischen Willen und häufig viel Zeit. Mit Plakatkampagnen rückt Pro Juventute die Herausforderungen von Kindern und Jugendlichen ins öffentliche Bewusstsein. Auch arbeitet Pro Juventute eng mit Jungparteien zusammen, um gemeinsame Positionen zu finden, wie man diesen Herausforderungen begegnen kann. Denn auch als Gesellschaft können wir uns dafür entscheiden, Kindern und Jugendlichen möglichst gute Startbedingungen zu ermöglichen – indem wir zum Beispiel jene Berufe, die wichtig sind, um die Resilienz von Kindern zu fördern, besser entlöhnen, aber auch mehr wertschätzen: Kinderbetreuerinnen etwa oder Lehrpersonen. «Es braucht ein Umdenken in der Gesellschaft», betont Wagner. Bis dahin setzt sich Pro Juventute weiterhin dafür ein, dass Kinder und Jugendliche in Stresssituationen die Unterstützung finden, die sie brauchen.

Erschienen im September 2023 im Pro-Juventute-Magazin «Futura« 1/2023.


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Eine Antwort zu „Wie resilient sind wir?”.

  1. Avatar von weckhorstzameir
    weckhorstzameir

    wow!! 68200 Stunden Yoga intensiv

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