WWF Magazin // In der Meereswelt um die Insel Guafo in Chile ziehen Blauwale ihre Jungtiere auf. Hier errichten indigene Gemeinschaften ein wichtiges Schutzgebiet, der WWF unterstützt sie dabei.
Graublaue Wellen rollen schäumend auf den kiesigen Strand zu. Dahinter erhebt sich eine steinige, raue Küstenlandschaft. Ein kalter Wind weht. Wir sind in Chile, im Land der Huilliche, einem Volk der Mapuche, in einer zerklüfteten Insellandschaft, die auf den ersten Bilck karg und lebensfeindlich scheint. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt eine Inselwelt voll von sprühendem Leben. Buckelwale und Delfine tauchen zum Luftholen aus dem tiefblauen Wasser auf. Dunkelsturmtaucher lassen sich von Windböen den Klippen entlang tragen. Doch ein Tier macht diese Landschaft zum Naturjuwel: Hunderte von Blauwalen finden sich hier jedes Jahr ein. Sie pflanzen sich fort und ziehen in den Küstengewässern ihre Jungen auf. Es ist eine wichtige Kinderstube der grössten Säugetiere unseres Planeten.
Gefährliche Schiffe
Die Blauwale sind bedroht: Unsere Ozeane sind zu verschmutzt, zu stark befahren und zu laut. Besonders die Schifffahrt setzt den Blauwalen zu. Sie verletzen sich bei Kollisionen mit Schiffen. Und der Lärm der Motoren erschwert ihre Kommunikation und damit auch ihre Wanderungen und ihre Fortpflanzung.
Einen Rückzugsort finden die Blauwale im Süden von Chile, rund um die Insel Guafo im Golf von Corcovado. Seit Jahrtausenden lebt das Volk der Huilliche hier im Einklang mit der Natur. Die indigenen Gemeinschaften wollen diese einzigartige Landschaft als 300’000 Hektaren grosses Schutzgebiet bewahren. Seit 2008 dürfen indigene Gruppen in Chile jene Regionen, die sie traditionell bewohnen und nutzen, als indigenes Schutzgebiet deklarieren. In diesen Gebieten steht der Erhalt ihrer traditionellen Lebensweise im Vordergrund. Dazu gehört der Schutz der Tier- und Pflanzenwelt, die ihre Lebensgrundlage darstellt.
Die Bedeutung der Natur
Zehn indigene Gruppen, die die Gewässer um Guafo seit Generationen nutzen, haben sich zum Wafo-Wapi-Verband zusammengeschlossen und die Deklaration als Schutzgebiet beantragt. Ihr Sprecher Patricio Colivoro sagt: «Indigene Gemeinschaften, die ihre Ursprünge nicht vergessen, erkennen die Bedeutung der Natur und ihre Rolle darin. Wir wissen, dass wir uns selbst schaden, wenn wir der Natur Schaden zufügen.»
Der WWF unterstützt den indigenen Verband dabei, einen Plan zur Bewirtschaftung des Gebiets zu erarbeiten. Alles mit dem Ziel, dass die Einheimischen später das Schutzgebiet selbstständig verwalten können. Mit dabei ist die Biologin Cristina Torres, Meeresexpertin beim WWF Chile. Sie erinnert sich an ihren ersten Besuch in Patagonien: «Hier habe ich zum ersten Mal Wale gesehen, eine Buckelwal-Mutter mit ihrem Kalb. Ich empfand so viel Ehrfurcht und staunte nur noch.» Umso wichtiger ist Torres seither der Schutz der Meeressäuger. «Guafo ist ein Schlüsselort für die marine Artenvielfalt in Patagonien», erzählt sie. «Gemeinsam mit den Menschen vor Ort können wir diesen wichtigen Lebensraum für Blauwale und viele weitere Tiere erhalten.»
Temporeduktion auf dem Wasser
Cristina und ihr Team erarbeiten mit den Menschen vor Ort wissenschaftliche Informationen zum ökologischen und biologischen Wert des Gebiets. So konnte als erste und sehr wirksame Massnahme die Höchstgeschwindigkeit für Schiffe in den Gewässern des zukünftigen Schutzgebietes reduziert werden. Dadurch gefährdet der Schiffsverkehr die Wale weniger. Die Massnahme beruht auf den Erkenntnissen des WWF-Projekts «Minderung der akustischen Verschmutzung und des Kollisionsrisikos für Blauwale in Südchile». Ein Frühwarnsystem wurde entwickelt, das Schiffe auf Wale Hinweist, die ihre Fahrtroute kreuzen. Noch fehlt jedoch das Geld für die Umsetzung. Geplant ist zudem, die Fischerei im Schutzgebiet nachhaltiger zu gestalten und Fangmengen zu definieren.
Die enge Zusammenarbeit mit den indigenen Gruppen ist für den WWF herausfordernd. «Die Gemeinschaften waren anfangs skeptisch», erzählt Alice Eymard-Duvernay vom WWF Schweiz. Sie hat das Projekt kürzlich besucht. «Doch im Laufe des mehrmonatigen Dialogs konnten sie erkennen, dass ihnen die Zusammenarbeit mit dem WWF bei der Erreichung ihrer Ziele hilft.»
Sie erklärt die Grundhaltung des WWF: «Wenn wir auf eine Initiative einer indigenen Gemeinschaft stossen, treten wir einen Schritt zurück und prüfen, wie wir mit ihnen als Partner vorankommen können.» Eymard-Duvernay ist überzeugt, dass dies richtig und wichtig ist: «Solche Abläufe sind für uns ein kontinuierlicher Lernprozess, der uns als Organisation weiterbringt. Nicht nur in Patagonien, sondern in der Zusammenarbeit mit den lokalen Gemeinschaften weltweit.» Wafo Wapi kann ein neues Modell dafür sein, wie ide Bedürfnisse der Menschen vor Ort mit dem Schutz der Meere und Küsten in Einklang gebracht werden können. «Wenn wir Naturräume schützen wollen, können wir das nur gemeinsam mit den Menschen vor Ort erreichen. Sie haben das grösste Interesse daran, dass die natürlichen Ressourcen auch in Zukunft erhalten bleiben.»
Ein neues Gleichgewicht finden
«Die westliche Kultur betrachtet die Natur oft als eine Ressource, die wirtschaftlichen Gewinn einbringen soll», sagt Patricio Colivoro vom Wafo-Wapi-Verband. «Doch wir müssen als Menschheit lernen, ein Gleichgewicht in den wirtschaftlichen Aktivitäten zu finden und nur so viel zu nehmen, dass genügend für das nächste Mal übrig bleibt.» Der Gedanke der richtigen Balance ist tief in der Tradition der Huilliche verankert. «Kume mongen» bedeutet in ihrer Sprache das wirtschaftliche, kulturelle und spirituelle Gleichgewicht.
Als Colivoro vom kleinen Boot aus den steinigen Strand von Guafo betritt, bläst er durch ein gewundenes Ochsenhorn. Der laute Ruf ist eine von vielen Zeremonien, mit denen er und sien Volk den dort lebenden Naturgeistern dafür dankt, dass sie das Meer nutzen dürfen. Eine Selbstverständlichkeit für Colivoro: «Für uns ist das Meer ein Ort des Respekts.»
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Frauen der Meere
Wer ans kommerzielle Fischen denkt, geht meistens von einem Mann hinter dem Steuer der kleinen Fischerboote aus. Frauen sind in diesem Wirtschaftszweig unterrepräsentiert. Und doch übernehmen sie wichtige Tätigkeiten vor oder nach dem eigentlichen Fischfang wie das Räuchern von Fisch und das Vorbereiten der Netze.
Gerade in Chile fielen diese Tätigkeiten aber durch viele arbeitsrechtliche Raster. «Frauen waren in diesem Sektor jahrelang unsichtbar, aber sie waren immer ein Teil der Geschichte», sagt Denisse Mardones vom WWF Chile. Sie sieht die Gleichstellung der Geschlechter als grundlegendes Element einer nachhaltigen Entwicklung und eines wirksamen Naturschutzes an. Es ist in der männerdominierten Kultur der Mapuche aber schwierig, Frauen zu fördern, ohne bei Männern Abwehrreflexe auszulösen.
Ein Schritt vorwärts ist ein neues Gesetz zur Gleichstellung der Geschlechter in der Fischerei, das der WWF in Chile mit führenden Persönlichkeiten aus der lokalen Fischerei vorangetrieben hat. Und im Rahmen einer Gender-Studie hat der WWF weitere Möglichkeiten ermittelt, um Frauen zu stärken. Er unterstützt sie zum Beispiel darin, selbstbewusst zu argumentieren und digitale Instrumente zu nutzen. Er fördert auch eine bessere Vernetzung von Frauenorganisationen, damit sie gemeinsam für eine gleichberechtigte Beteiligung der Frauen am politischen und wirtschaftlichen Leben einstehen.
Erschienen im November 2023 im WWF-Magazin 4/2023.
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