200 Stunden Yoga intensiv

NZZ am Sonntag // Yogalehrer:innen-Ausbildungen liegen im Trend – nicht nur
bei Menschen, die selber unterrichten wollen. Darauf ist bei der Kurswahl zu achten.

Ubud, Bali, sieben Uhr in der Früh. Regen klatscht aufs Balkondach, vermischt sich mit Dschungelgeräuschen, es zirpt im Blätterdach. Der Duft von Räucherstäbchen liegt auch im Freien in der Luft. Dreizehn Yogis sitzen verschlafen auf ihren Matten, schliessen die Augen und atmen. Eine Stunde lang, in verschiedenen Rhythmen.

Jeder Tag im Yoga-Teacher-Training beginnt mit einer einstündigen Atem-Session. Pranayama nennt sich die Technik. Weiter geht es mit 90 Minuten Vinyasa-Yoga. Erst dann gibt es Frühstück. Nachher folgen: Yogaphilosophie, Anatomie, Analyse und Einübung der einzelnen Yogapositionen. Und zum Abschluss am späten Nachmittag Workshops zu den Spielarten des Yoga. 6 Tage die Woche, 3 Wochen lang, 200 Stunden.

Yogalehrer:innen-Ausbildungen boomen und werden längst nicht mehr nur von Personen besucht, die selber Yoga unterrichten möchten. Viele Menschen nutzen das Training als Intensivkurs, um Yoga zu vertiefen, körperlich bei den Übungen weiterzukommen oder sich mit der Philosophie des Yoga zu befassen. «Viele wollen sich zudem auch mit sich selber auseinandersetzen», sagt Angela Boscardini von der Schule «Das Yoga-Haus» in Zürich. Sie bietet seit 2015 Yoga-Teacher-Trainings an.


Poonam Stecher Sharma von der Yogaschule «Sanapurna» in Zürich beobachtet Ähnliches. Ihr Team bildet seit rund zwanzig Jahren Yogalehrpersonen aus. Sie sagt: «Beim Teacher-Training lernt man sich selber kennen. Es ist nicht einfach ein Sport-Intensivkurs, der vor allem den Körper fordert. Es setzt einen Denkprozess in Gang.»

Intensiv oder nachhaltig

Mittlerweile ist das Angebot für Yoga-Teacher-Trainings riesig. Indien und Bali sind beliebte Destinationen. Aber auch immer mehr Studios in der Schweiz bieten Ausbildungen an. Worauf gilt es bei dieser Fülle an Angeboten zu achten? Boscardini und Stecher Sharma raten, auf das Bauchgefühl zu vertrauen – die Chemie müsse stimmen – und gleichzeitig Recherche zu betreiben. Gute Anhaltspunkte sind etwa die Erfahrung und Expertise von Schule und Lehrpersonen und die Gruppengrösse.

Ebenso wichtig ist aber, sich vorab zu überlegen, was man vom Training will. Etwa ob man das Training intensiv innert drei Wochen oder in Tranchen über mehrere Monate verteilt absolviert. Das Teacher-Training an einem Stück ist eine Tour de Force, die genau deshalb reizvoll sein kann. Das Leben ausserhalb des Alltags erlaubt es, sich ganz aufs Yoga zu fokussieren.

Der Nachteil an der Vollzeitvariante ist, dass man das Gelernte nur oberflächlich speichert. «Beim Training über mehrere Monate hat man mehr Zeit, sich auf die philosophischen Konzepte einzulassen und den Körper schonender durch die gesteigerte Trainingsintensität zu bringen», sagt Boscardini. Stecher Sharma ergänzt: «Die Schülerinnen und Schüler können das, was ihnen zusagt, gleich in ihre täglichen Routinen integrieren, da sie das Material Stück für Stück lernen und während der Ausbildung in ihren Alltag zurückkehren. Das kann eine langfristige Veränderung bewirken.»

Vorwissen braucht es für die meisten 200-Stunden-Trainings nicht. Stecher Sharma empfiehlt aber, etwa ein Jahr Yogaerfahrung mitzubringen. «So hat man eine Grundfitness und ist mit den Übungen schon vertraut.»

Bleibt noch die Frage nach dem Yogastil, denn die meisten Teacher-Trainings fokussieren auf einen. «Hatha oder Vinyasa sind die gängigsten Stile und die Trainings sehr ähnlich», sagt Boscardini. Bei vielen Teacher-Trainings lernt man weitere Stile kennen. Grundsätzlich anders sind Ashtanga- und Kundalini-Yoga. Bekannt sind zudem aufbauende Vertiefungstrainings etwa zu Yin-Yoga oder Acro-Yoga.

Die meisten Schulen verleihen ein von der internationalen Yoga Alliance akzeptiertes Zertifikat. In der Schweiz hat sich Eduqua, ein Label für Weiterbildungen, auch bei Yogatrainings etabliert. Darüber hinaus gibt es vierjährige Berufsausbildungen zur diplo- mierten Yogalehrperson.

Ein Retreat ist entspannender

Das Yoga-Teacher-Training ist nicht zu unterschätzen, gerade wenn man es Vollzeit macht, wie sich beim Training in Bali zeigt. Die Tage sind lang, die Wochen anstrengend, der Körper beginnt zu reklamieren. Achtsam sein ist das oberste Gebot. Doch nach drei Wochen ist es geschafft und der Kurs abgeschlossen, mit Prüfungslektion, Theorieprüfung und 108 Sonnengrüssen.

Und wen das alles zu anstrengend dünkt? Auch ein Yoga-Retreat könne viel bringen, sagt Boscardini: «Ein Retreat ist Ferien mit Yoga. Wer also primär Entspannung und Auszeit sucht, für den ist ein Retreat das Richtige.»

Yoga so praktizieren, wie es individuell stimmig ist

Bleibt noch die Frage nach der Tradition des Yoga und dem besten Ort für ein Yoga-Teacher-Training: Längst hat sich Yoga im Westen aus der Esoterik-Hippie-Ecke bewegt und ist im Zentrum der Wellness-Lifestyle-Industrie ange- kommen. Es verspricht mehr Fitness, mehr Gesundheit, mehr Gelassenheit und passt damit perfekt in eine Zeit, in der viele mit Stress, Leistungsdruck und Selbstoptimierung konfrontiert sind.

Tatsächlich ist Yoga allerdings viel älter als die westliche Industriegesellschaft:
Es basiert auf jahrtausendealten Schriften aus Indien, die eng mit dem Hinduismus verbunden sind und die Wege zeigen, Körper und Geist in Einklang zu bringen. Philosophische und ethische Konzepte, die beispielsweise im Sanskrit-Epos «Bhagavad Gita» festgehalten sind, ergänzen die körperlichen Übungen.

Und doch geht es bei Yoga nicht um religiösen Eifer. Poonam Stecher Sharma, die selber aus Indien stammt und in Zürich die Schule «Sanapurna» leitet, sagt: «Man wird nicht Inder oder Inderin, wenn man Yoga macht, und auch kein Hindu.» Die Übungen und philosophischen Konzepte des Yoga könne jeder anwenden, im Yogastudio, zu Hause, unterwegs. Es sind für Stecher Sharma Werkzeuge, um den Körper gesund zu halten und den Geist fit für die Herausforderungen des Lebens zu machen. «Man lernt, Entscheidungen zu treffen und Wissen und Erfahrungen zu verarbeiten.»

Und auch wenn Yoga aus Indien kommt: Einen besonderen Vorteil darin, für die Yoga-Ausbildung dorthin zu reisen, sieht Stecher Sharma nicht. «Es gibt auch in der Schweiz sehr traditionelle Schulen und in Indien moderne Studios», sagt sie. Wichtiger als der Ort seien die Lehrerpersonen.

Ob man das Training in der Schweiz oder im Ausland absolviert, soll man von den eigenen Vorlieben und Möglichkeiten abhängig machen. Sich neben den Übungen auch mit den Schriften des Yoga zu befassen, empfiehlt sie aber jedem. «Es sind kraftvolle Metaphern. Man kann nehmen, was einem zusagt. Und das andere weglassen», sagt sie. Oder ganz praktisch: «Man muss nicht om singen und Namaste sagen, wenn man das nicht möchte. Aber man darf.»

Erschienen am 14. Januar 2024 in der NZZ am Sonntag.


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