Tages-Anzeiger // Kapitän und Aktivist Peter Hammarstedt gibt Einblicke in seine Arbeit bei der globalen Meeresschutzorganisation Sea Shepherd und erzählt, wieso er sich seit 20 Jahren auf offener See kriminellen Fischern in den Weg stellt.
Die globale Umweltorganisation Sea Shepherd ist so berühmt wie berüchtigt für ihre spektakulären Verfolgungsjagden und Manöver auf hoher See, die sie mit Filmteams oft kinoreif dokumentiert. So deckt sie illegale industrielle Fischerei auf und sabotiert sie.
Seit 20 Jahren mit an Bord: Kapitän Peter Hammarstedt aus Schweden. Mittlerweile ist er bei der Meeresschutzorganisation globaler Leiter der Schiffseinsätze und der Kampagnen und dank seiner vielen Filmauftritte und Vorträge einer der bekanntesten Köpfe der Organisation.
Herr Hammarstedt, Sie rammen Schiffe, zerstören Fischereigeräte, brachten sogar einen Kapitän dazu, sein Walfangschiff zu versenken. Sind Sie ein Ökoterrorist?
Nein. Wir füllen mit Sea Shepherd lediglich ein bestehendes Vakuum bei der Strafverfolgung. Die Ozeane sind zu einem grossen Teil gesetzlos, es gibt keine Gerichtsbarkeit, keine «Marine der Vereinten Nationen». Wir sind selbst ernannte Sheriffs, weil es keine gibt. Wir bekämpfen die illegale Fischerei aber auf verschiedene Arten. In Küstennähe, wo lokale Gesetze gelten, arbeiten wir mit Regierungen zusammen, die vielleicht eine Strafverfolgungsbehörde haben, aber keine Schiffe. Wir haben die Schiffe, wir haben die Besatzung. So arbeiten wir mit acht Ländern in Afrika zusammen.
Wie ist es zum Richtungswechsel weg von direkter Aktion hin zur Zusammenarbeit mit Behörden gekommen?
Vor zehn Jahren verfolgte ich als Sea-Shepherd-Kapitän die Thunder in der Antarktis, eines der berüchtigtsten illegalen Fischereiboote, gesucht von Interpol, Australien und Norwegen. Es machte einen illegalen Gewinn von 60 Milliarden Dollar pro Jahr. Wir verfolgten sie 110 Tage, bis der Kapitän das Boot schliesslich im Golf von Guinea versenkte, um Beweise zu vernichten.
Wieso dort?
Weil es dort kaum eine Strafverfolgung gibt. Die Regierung hat nur zwei kleine Boote. Das ist ein Problem, nicht nur im Hinblick auf den illegalen Walfang, son- dern auf die illegale Fischerei im Allgemeinen. Heute sind 20 Prozent des weltweiten Fangs illegal. Durch die Verfolgung der Thunder wurden wir also auf dieses ganze Problemfeld aufmerksam und haben daraufhin unser erstes Abkommen mit einer Regierung geschlossen.
Sea Shepherd hat also seinen Schwerpunkt von der Rettung der Wale weg verlagert?
Die Menschen kennen Sea Shepherd als eine Anti-Walfang-Gruppe, und wir konnten das Bewusstsein für das Thema schärfen und den illegalen Walfang in der Antarktis beenden. Das ist zwar eine gute Nachricht. Aber viele Menschen wissen nicht, dass die industrielle Fischerei heute hundertmal mehr Wale tötet als der Walfang und derzeit die grösste Bedrohung für Wale ist. Und während die Zahl der Wale im Moment zunimmt, gilt das nicht für Haie, Schildkröten und viele andere Meerestiere. 90 Prozent der weltweiten Fischbestände sind zu stark befischt! Deshalb haben wir unseren Fokus auf den Ozean als Ganzes verlagert.
Wie bewahrt Sea Shepherd bei der Arbeit mit Regierungen von oft schwachen und korrupten Staaten seine Integrität?
Wir sind eine vegane Organisation und gegen jegliche Fischerei, und wir gehen bei dieser Botschaft keine Kompromisse ein. Die Regierungen, mit denen wir zusammenarbeiten, wollen in der Regel die lokale Wirtschaft fördern, zum Beispiel durch nachhaltige Fischerei. Nun sagen wir nicht, dass wir mit der Idee der nachhaltigen Fischerei einverstanden sind. Aber wir finden die Bereiche, in denen sich unsere Interessen überschneiden: Das ist die illegale Fischerei. Und dort arbeiten wir zusammen.
Kann man überhaupt noch guten Gewissens Fisch aus dem Meer essen?
Wenn man von Gewissen spricht, gibt es zwei Aspekte. Der eine ist der ethische, bei dem man sich fragen muss, ob es je in Ordnung ist, ein Tier zu essen. Ich habe seit 26 Jahren keinen Fisch mehr gegessen und genug Zeit auf Fischereischiffen verbracht, um mit Sicherheit sagen zu können, dass das auch so bleiben wird. Der andere ist der Umweltaspekt: Im Mittelmeer gibt es zum Beispiel nur noch 10 Prozent der Fischmenge, die es vor 50 Jahren gab. Dürfen wir da noch etwas herausnehmen? Die Ozeane müssen sich erholen können.
Gilt das auch für Menschen, die in Küstennähe leben?
Das Ganze sieht natürlich anders aus, wenn man über eine kleine Küstengemeinde zum Beispiel in Liberia spricht. Ich will niemanden verurteilen, der versucht, ein Einkommen aus der Fischerei zu erzielen, wenn dies seine einzige Ressource ist. Vielmehr konzentriere ich mich darauf, wo wir einen gemeinsamen Nenner haben: bei der Bekämpfung der illegalen industriellen Fischerei, die dem Meer und gleichzeitig der Lebensgrundlage der lokalen Gemeinschaften schadet.
Sie sind viel unterwegs und halten viele Vorträge: Sind die Menschen in Europa grundsätzlich über den Zustand der Meere informiert?
Die meisten Menschen sind sich bewusst, dass die Meere bedroht sind. Aber sie kennen nicht viele Details und wissen nicht, welche Lösungen möglich sind. Sie verurteilen vielleicht den Walfang oder den Verzehr von Haifischflossensuppe, aber das ist einfach, weil es weit weg passiert und ihren Lebensstil nicht beeinträchtigt. Ich versuche deshalb, in meinen Vorträgen aufzuzeigen, wo sich die Bedrohung der Ozeane mit unserem Alltag überschneidet, etwa beim Thunfisch-Sandwich oder bei Krill-Nahrungsergänzungsmitteln.
Die Rettung der Ozeane ist eine gewaltige Aufgabe, ihr Zustand verschlechtert sich immer weiter. Wieso verzweifeln Sie nicht?
Weil ich sehe, dass wir vor Ort einen Unterschied machen. Wir haben den Walfang in der Antarktis gestoppt. Wir haben 13 Verhaftungen in Gabun unterstützt, 20 in Liberia. Wenn das möglich ist, ist noch mehr möglich. Ich versuche, das langfristige Ziel im Auge zu behalten und aus den kurzfristigen Erfolgen Hoffnung zu schöpfen. Und ich konzentriere mich auf jedes einzelne gerettete Tier. An jedem Tag, an dem ein Schiff nicht in See stechen darf, werden Tausende von Tieren nicht getötet.
Warum engagieren Sie sich für den Ozean und nicht etwa die Regenwälder oder die Gletscher?
Das ist hauptsächlich dem Zufall zu verdanken. Ich bin nicht in der Nähe eines Ozeans aufgewachsen, bin kein Surfer oder Segler. Aber als ich 14 Jahre alt war, sah ich ein Foto von einem toten Wal auf einem Walfangschiff. Dieses Bild erschütterte mich zutiefst. Es hätte auch ein Elefant mit abgeschnittenen Stosszähnen sein können, dann hätte ich mich vielleicht dort engagiert, aber es war eben der Wal. Man kann sagen, das Thema hat mich gefunden, nicht umgekehrt.
Der Auslöser war ein Foto?
Genau, und ich dachte mir, wenn ein Foto eine solche Wirkung auf mich haben kann, dann kann es vielleicht auch auf andere wirken. Deshalb ist es mir wichtig, bei unseren Kampagnen ganz nah heranzugehen und zu dokumentieren, was draussen auf dem Meer passiert, weit weg von neugierigen Augen.
Welchen Einfluss können Menschen hier in der Schweiz auf den Meeresschutz haben?
Die Schweiz mag keinen Ozean haben, aber viele Menschen hier lieben das Meer, zum Tauchen, Schnorcheln und Ferienmachen. Sie haben also ein Interesse daran, es zu schützen. Aber die Schweiz hat auch eine der höchsten Fischkonsumraten in ganz Europa, vor allem von Meeresfischen. Und dieser Fisch wird nicht von lokalen Kleinfischereien gefangen, sondern von der industrialisierten Fischerei. Was die Menschen hier konsumieren, hat Auswirkungen auf die Meere, auch wenn sie nicht sichtbar sind. Deshalb ist es toll, dass es in der Schweiz eine aktive Sea-Shepherd-Freiwilligengruppe gibt, die zeigt, wie die Menschen durch ihren Konsum selbst in einem Binnenland zum Schutz der Meere beitragen können.
Erschienen im Tages-Anzeiger und Landboten am 25. September 2024.
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