Sehnsucht nach den Wurzeln

Tages-Anzeiger // Wer in den Ferien ins Survival Camp statt an den Strand fährt, sucht das Abenteuer. Zwei Anbieter erzählen, was für die Teilnehmenden die grössten Herausforderungen sind, und weshalb die meisten stolz und zufrieden nach Hause fahren.

Laub und Moos statt weiche Hotelbetten, über dem Feuer gekochte Suppe statt üppiges Buffet, Regenjacke statt Badehose – im Survival-Camp ist man weit weg von den klassischen Bildern aus dem Reisekatalog. Und doch wurden solche Outdoor-Kurse in den letzten Jahren immer beliebter. „Gerade seit der Covid-Pandemie haben Survival-Kurse und Camps einen grossen Aufschwung erlebt.“, beobachtet Gion Saluz von der Outdoor-Schule Swiss Survival Training.

Saluz bietet seit rund elf Jahren Überlebenskurse an. Die Dauer reicht von einem Wochenende mit nur einer Übernachtung im Freien bis hin zu ganzen Wochen draussen. In den Kursen vermittelt er die Grundlagen des Überlebens in der freien Natur: Wasser finden und aufbereiten, Wildkräuter und essbare Pflanzen erkennen, einen Unterschlupf, der vor Witterung schützt, finden oder selber bauen, Feuer machen. Aber auch: Survival-Psychologie oder Navigation. „Der Unterschied zwischen einem Wochenend-Kurs und einer ganzen Woche liegt weniger im Inhalt, als darin, dass wir mehr Zeit haben, das Gelernte zu vertiefen und auszuprobieren“, sagt Saluz.

Anders als man es etwa aus TV-Shows kennt, geht es bei den Survival-Wochenenden nicht darum, dass man die Teilnehmenden mit möglichst wenig HIlfsmitteln im Wald durch den Schlamm kriechen und Würmer essen lässt. „Wir gehen auf die Grundlagen des Lebens in der Natur ein. Und bieten jedem so viel Komfort, dass er wohl und sicher ist. So kann jeder selber entscheiden, wie weit er gehen möchte“, sagt Markus Lusser. Er bietet mit seiner Outdoor-Schule „How to Survive“ seit dreizehn Jahren Survival- und Outdoorkurse an. Es ist ihm ein Anliegen, dass seine Kurse möglichst niederschwellig sind. „Wir stellen etwa Schlafsäcke und Isomatten zur Verfügung, dass niemand teures Equipment kaufen muss, dass man je nachdem nachher gar nie mehr braucht.“ Auch sauberes Trinkwasser und Nahrung sei natürlich immer verfügbar.

Nachhaltiger Umgang mit der Natur

Was Lusser zudem wichtig ist: „Die meisten Leute, die in unsere Kurse kommen, wollen lernen, wie sie sich grundsätzlich in der Natur sicher bewegen können, nicht primär, wie sie eine Extremsituation überleben. Da gehört für uns ein nachhaltiger Umgang mit der Natur dazu.“ So sei es zum Beispiel in einer Notsituation unter Umständen nötig einen Baum für einen Unterschlupf zu fällen. Wenn man aber in seiner Freizeit bloss zum Spass draussen übernachten möchte, wäre das ökologischer Unsinn. „Es gibt genug andere, naturverträgliche Varianten, einen Unterstand zu errichten. Wir wollen zeigen, wie man sich in der Natur bewegen kann, ohne ihr zu schaden.“ Weil Survival-Camps nicht überall den besten Ruf haben, bemüht sich Lusser um Akzeptanz: „Wir sind überall, wo wir die Camps durchführen, mit den lokalen Behörden im Dialog und achten darauf, den Wald intakt zurückzulassen.“

Die Menschen, die sich für die Kurse von Saluz und Lusser anmelden, kommen ganz unterschiedlich motiviert. „Einige wollen sich beispielsweise auf eine Reise in abgelegene Gegenden vorbereiten“, erzählt Lusser. „Andere sind zum Beispiel Grosseltern, viel mit den Enkeln draussen, und wollen sich besser auskennen.“ Bei diesen Personen steht der Wissenserwerb im Vordergrund. „Sie wollen wissen, wie sie sich in der Natur sicher und nachhaltig bewegen können.“ Saluz ergänzt, dass es gerade bei den längeren Camps aber durchaus auch um die Grenzerfährung gehe. „Leute möchten die Natur spüren, möchten austesten, wie sich das anfühlt.“ Während sich früher überwiegend Männer für die Kurse angemeldet haben, sei es heute ausgeglichener. Auch altersmässig sei das Spektrum breit, von zwanzig Jahren bis Mitte sechzig. Eine gewisse spirituelle Komponente sei für viele Teilnehmende auch dabei. „Nicht unbedingt im Sinne von schamanischen Zeremonien, aber viele unserer Teilnehmenden möchten ihren Bezug zur Natur wiederaufbauen“, sagt Lusser. Saluz bestätigt: „Eine gewisse Sehnsucht nach den Wurzeln des Menschseins spielt mit.“ Draussen sei man auf sich selbst zurückgeworfen, mit nur dem, was man dabeihat und was die Natur bietet.“

Die Kälte setzt zu

Kälte, ungewohntes Essen, keine Stimulation durch Fernsehen und Handy. Wie reagieren die Teilnehmenden darauf? „Am meisten setzt ihnen ganz klar die Kälte zu“, sagt Saluz. „Wenn man kalt hat, schläft man nicht gut. Und wenn man müde ist, ist man weniger belastbar, weniger aufnahmefähig, dann kommt man in der Camp-Situation schnell an die Grenze.“ Sonst sei es sehr individuell, ergänzt Lusser. Für gewisse sei das ständige Draussensein ungewohnt und deshalb herausfordernd. Andere empfänden es als streng, dass man immer etwas zu tun hat und sich erst am Abend am Feuer etwas entspannen kann.

Wer nicht gleich eine Woche raus will, kann mit einem Wochenende anfangen. Lusser sagt: „Wir haben immer wieder Teilnehmende, die noch nie eine Nacht draussen übernachtet haben. Für die braucht schon das viel Überwindung.“ Wer lieber im eigenen Bett übernachtet, für den oder die gibt es eine Vielzahl von Tageskursen. Dabei kann man sich ganz gezielt einem Thema annehmen, Wildkräuter etwa oder Navigation.

Wenn man sich aber auf das Wochenende oder die Woche draussen eingelassen hat, ist man danach entspannter als nach einer Woche Strandurlaub? „Entspannter ist vielleicht das falsche Wort. Denn man ist erschöpft, müde, sehnt sich nach einer Dusche“, sagt Lusser mit einem Lachen. „Aber man geht mit einer wohligen Zufriedenheit zurück in die Zivilisation und ist stolz, dass man es geschafft hat.“ Viele gaben auch an, dass sie nach einem Wochenende oder einer Woche in der Natur anders duch den Alltag gingen, sagt Saluz. „Wenn man gemerkt hat, wie wenig man eigentlich braucht, um zu überleben, lässt man sich durch Kleinigkeiten weniger aus der Bahn bringen.“

Erschienen im 26. Oktober 2024 in der Beilage Reisen 2 des Tages-Anzeigers.


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