Pro Juventute Magazin // Wenn Kinder eine sichere Bindung zu ihren Bezugspersonen haben, fällt es ihnen leichter, das Leben zu meistern. Pro Juventute unterstützt Eltern dabei, diese aufzubauen.
Ein sicherer Hafen, den man zur Erkundung verlassen kann, in den man aber jederzeit zurückkehren darf. So beschreibt Karin Seitz eine sichere Bindung zwischen Eltern und Kindern. Es geht dabei um ein Urvertrauen, das gestärkt wird. Um ein Sicherheitsgefühl, das bestätigt wird. Eine sichere Bindung ist essenziell für die gesunde Entwicklung eines Kindes.
„Resiliente Kinder und Jugendliche verfügen über mehr Widerstandskraft, um schwierige Situationen zu bewältigen. Einer der Schlüsselfaktoren für Resilienz ist eine sichere Bindung“, sagt Seitz. Als Elternberaterin bei Pro Juventute befasst sich Karin Seitz viel mit sicheren Bindungen. Was sie, je nach Altersstufe des Kindes, ausmacht, was sie beschädigt oder wie sie repariert werden können. Sie sagt: “ Eine sichere Bindung kann entstehen, wenn Verfügbarkeit, Verlässlichkeit und Vertrautheit gegeben sind. Sie bestärkt Kinder in ihrer Entwicklung.“
Der Grundstein fürs Leben
Eine Bindung ist ein Grundbedürfnis von Menschen. Kinder und Jugendliche, welche sich sicher gebunden fühlen, sind widerstandsfähiger gegenüber Stress und schwierigen Situationen. Zu wissen, dass sie jemanden haben, der ihnen Halt gibt, ermächtigt sie, sich Herausforderungen zu stellen. Derartige sichere Bindungen entstehen, wenn Kinder sich bei ihren Eltern jederzeit geborgen fühlen können. Wenn sie wissen, dass jemand da ist, der sich für sie interessiert und der ihnen Sicherheit gibt.
Dafür braucht es den Einsatz der Eltern. Ein Baby oder Kleinkind könne sich noch kaum aktiv um eine Bindung bemühen. Es gehe also nicht um eine Beziehung, in der beide gleich viel geben und nehmen sollen. „Die Verantwortung liegt bei den Eltern – es geht um ein Grundbedürfnis des Kindes.“
Was Kinder und Jugendliche brauchen, um eine sichere Bindung aufzubauen, ändert sich mit zunehmendem Alter. Babys benötigen viel Zuneigung und eine zeitnahe, nachvollziehbare und angemessene Reaktion auf ihre Bedürfnisse. Sie sind von ihren Bezugspersonen abhängig und verlangen nach viel Nähe. Es ist wichtig, dass das Baby das Elternteil spürt und sieht, und dass es merkt, dass jemand reagiert, wenn es zum Beispiel weint oder Hunger hat.
Das Kleinkind hat bereits andere Bedürfnisse: Es will die Umgebung erkunden, löst sich von den Eltern, möchte aber jederzeit zurückkehren können. Etwa wenn es auf dem Spielplatz neues ausprobiert, aber sich mit einem Blick über die Schulter versicher, ob die Eltern da sind. Die Ablösung nimmt bis ins Teenageralter immer mehr zu. Aber selbst dann ist eine sichere Bindung zu den Eltern noch wichtig. Auch einem Teenager kann man vermitteln, dass man für ihn da ist, dass man ihn in seinen Entscheidungen unterstützt. Sicher gebundene Jugendliche erleben zudem vielleicht die Teenagerzeit etwas ruhiger, weil sie eher die Chance nutzen, mit einer Bezugsperson zu sprechen, und zu Hause den Rückzug zu finden, den sie zum Sortieren der neuen Gefühle benötigen.
Der Grundstein fürs Leben
Wenn keine sichere Bindung entsteht, können die Folgen für die Entwicklung gravierend sein. Seitz sagt: „Kinder, die keine sichere Bindung zu ihren Bezugspersonen erlebt haben, sind häufiger verhaltensauffällig – als Schulkinder, aber auch bis ins Erwachsenenalter hinein.“ Sie wollen etwa ständig Aufmerksamkeit erhaschen oder aber ziehen sich zurück und wollen alles selber machen können. So definiert die Entwicklungspsychologie neben der sicheren Bindung drei weitere Bindungstypen: die unsicher-vermeidende, die unsicher-ambivalente sowie die unsicher-desorganisierte Bindung.
Bei einem unsicher-vermeidenden Bindungsmuster gehen Eltern und Bezugspersonen wenig sensitiv auf die Bedürfnisse des Kindes ein. Das Kind lernt, Bindungswünsche zu unterdrücken oder sie gar nicht wahrzunehmen. Es entwickelt die Erwartungshaltung, dass ihm nicht geholfen wird und lernt früh sich zurückzuziehen. Bei einem unsicher-ambivalenten Bindungsstil hat das Kind die Erfahrung gemacht, dass die Bindungspersonen manchmal sehr fürsorglich auf es eingehen, manchmal jedoch auch nicht. Sie klammern sich an die Bezugsperson und sind dadurch wenig selbstständig. Bei der unsicher-desorganisierten Bindung ist die Bindung zu den Bezugspersonen ernsthaft gestört, etwa aufgrund traumatischer Erlebnisse in den ersten Lebensmonaten bis -jahren. Betroffene Kinder zeigen widersprüchliches, manchmal auch aggressives Verhalten gegenüber Bezugspersonen.
Dass die sichere Bindung bereits im Babyalter aufgebaut wird, sei wichtig, betont Seitz: „Man kann eine Bindung zu den Bezugspersonen nur zu einem gewissen Grad im späteren Alter noch reparieren.“ Wenn also das Kleinkind keine sichere Bindung erfährt, kann sein Beziehungsverhalten bis ins Erwachsenenalter nachhaltig geschädigt sein.
Seitz nimmt diesem enormen Druck, der damit auf den Bezugspersonen lastet, aber etwas Wind aus den Segeln. „Eltern und Bezugspersonen müsse nicht den Anspruch haben, rund um die Uhr hundert Prozent richtig zu reagieren. Wenn in 51 Prozent der Zeit jemand dem Kind eine sichere Bindung bietet, dann kann es sich bereits gesund entwickeln.“ Vielfach sind die wichtigsten Bezugspersonen eines Kindes seine Mutter und sein Vater. Doch können Kinder und Jugendliche auch zu anderen Personen eine sichere Bindung aufbauen. „Es kann auch eine Tagesmutter oder eine Lehrperson sein.“ Wichtig ist aber eine möglichst konstante Beziehung: Bezugspersonen sollten für das Kind vertraut, verlässlich und verfügbar sein.
Der Grundstein fürs Leben
Sichere Bindung entsteht aus Verfügbarkeit, Verlässlichkeit, Vertrautheit und Interesse am Gegenüber. „Mit Konstanz und nachvollziehbaren Konsequenzen geben Eltern und Bezugspersonen den Kindern Halt und Orientierung – ein Grundbedürfnis von Kindern und Jugendlichen“, sagt Seitz. Eltern müssen jedoch nicht alle Wünsche ihrer Kinder umgehend erfüllen. Denn Kinder müssen lernen, mit Gefühlen wie Frust umzugehen. Hilfreich ist, wenn Eltern die Bedürfnisse und Wünsche anerkennen und respektieren. So fühlt sich das Kind trotzdem gesehen. Auch eine Erklärung, weshalb etwas nicht oder im Moment nicht möglich ist, kann dem Kind helfen, mit dem Frust umzugehen.
Fallstricke für die Eltern sieht Seitz vor allem bei einem Thema: „Das Handy.“ Eltern, die ständig auf den Bildschirm starren statt verfügbar und verlässlich zu sein, vermitteln dem Kind Desinteresse. Sie rät also, das Handy so häufig wie möglich in der Tasche zu lassen und Kindern etwa auf dem Spielplatz aktiv zuzuschauen, sie zu bekräftigen und zu ermutigen. Und sie bei einem Bedürfnis nach einem sicheren Hafen mit offenen Armen zu empfangen.
Der Grundstein fürs Leben
Pro Juventute engagiert sich dafür, dass Eltern zu ihren Kindern eine sichere Bindung aufbauen können. Dies, indem sie ihnen mit den Elternbriefen ein praktisches Instrument in die Hand gibt,das ihnen Tipps für den Alltag mit dem Kind in jedem Alter gibt. Und indem Pro Juventute in allen Regionen der Schweiz Elternberatungen anbietet, auch für Fragen zur frühen Kindheit und auch am Abend. „Das Wichtigste ist, dass unsere Angebote möglichst niederschwellig sind, damit wir auch Menschen erreichen, die uns noch nicht kennen oder die Hemmungen haben, Hilfe zu holen“, sagt Seitz. Das heisst für die Angebote: kostenlos, vertraulich und auch in Fremdsprachen erhältlich.
„Eine sichere Bindung ist der Grundstein für ein sicheres und gesundes Leben“, weiss Seitz. Einem Kind, das eine sichere Bindung erlebt hat, gelingt es eher, mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen oder schwierige Zeiten zu meistern. Es hat das Selbstvertrauen, dass ihm Dinge gelingen können, und weiss, dass ihm jemand Rückendeckung gibt und es Hilfe annehmen darf. Seitz betont: „Bindung kommt als erstes, bevor man überhaupt mit Erziehen beginnen kann.“
Erschienen im Oktober 2024 im Pro-Juventute-Magazin «Futura« 2/2024.
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