Spitzensport geht auch vegan

WWF Magazin // Der Zürcher Profisportler Jonas Raess ernährt sich vegan. Im Porträt erzählt er, welchen Vorurteilen er begegnet, was ihn am Laufen fasziniert und weshalb er am liebsten mitten in der Natur trainiert.

«Drei Jahre sind es nun her, seit ich vegan zu essen angefangen habe, vor allem aus ethischen Gründen. Ich könnte nie ein Tier töten, weshalb sollte ich es dann essen? Wir sind so weit weg von der Herkunft unserer tierischen Lebensmittel. Es ist nur noch ein Produkt, das man in Plastik eingeschweisst im Supermarkt kauft. Dazu kommt der Umweltaspekt: Die Fleischindustrie ist für so viel CO2-Ausstoss und die Belastung von Böden verantwortlich.

Ich habe mir lange überlegt, ob ich öffentlich als Veganer auftreten soll. Eigentlich ist das ja etwas, das man einfach machen sollte. Ich hatte aber selber nur sehr wenige Vorbilder, die vegan lebten. Ich freue mich, wenn ich andere motivieren kann, vegan zu leben. Ich kann auch als Veganer im Spitzensport Bestleistungen erzielen.

Natürlich muss ich mir als veganer Sportler viele Vorurteile anhören. Wo denn die ganzen Proteine herkommen, ist der Klassiker. Ich esse viele Hülsenfrüchte, Tofu und Tempeh und komme damit auf sehr gute Blutwerte. Das erstaunt auch meine Coaches und Ärzte. Ein anderes Vorurteil ist, dass ich viele Tabletten schlucken muss. Das stimmt auch nicht. Es sind nämlich nicht mehr, als Profisportler sowieso schon im Ernährungsplan haben. Einzig das Vitamin B12 muss ich ergänzend einnehmen.

Ich versuche auch sonst, Sorge zur Umwelt zu tragen, bin mir aber bewusst, dass ich nicht perfekt bin. Ich glaube, dass jeder Beitrag zählt. So fahre ich wenn immer möglich mit dem Zug zu den Wettkämpfen. Oder ich achte bei den Sponsoren auf ihre Nachhaltigkeit. Gewisse Kooperationen lehne ich grundsätzlich ab, egal wie gut die finanziellen Konditionen wären.

Zum Laufsport bin ich durch meine Eltern gekommen. Sie haben oft an Volksläufen teilgenommen, wir Kinder haben mitgemacht. Offenbar erfolgreich. So bin ich langsam in den Profisport gerutscht. Daneben habe ich das KV gemacht und später einen Bachelor in Betriebswirtschaft.

Im Moment ist aber der Sport mein Beruf. Die letzten Jahre lebte ich in den USA, vorher in England. Künftig aber wohl wieder mehr in der Schweiz. Die Unterschiede in der Mentalität sind beim Sport sehr gross. Der Laufsport hat in England einen viel höheren Stellenwert als in der Schweiz.

Laufen ist eine der elementarsten Sportarten. Man braucht nichts, kann sogar barfuss laufen, überall auf der Welt. Das fasziniert mich. Und man ist draussen in der Natur. Ich höre nie Musik, wenn ich trainiere. Zum einen will ich meinen Körper gut spüren. Ich will aber auch die Natur wahrnehmen, will die Vögel zwitschern hören und das Rauschen der Blätter. Das macht mir Freude an diesem Sport. Diese Natur zu erhalten, dafür setze ich mich ein.»

Jonas Raess (30) trainiert beim LC Regensdorf. Der Zürcher hält die Schweizer Rekorde im 3000- und 5000-Meter-Lauf (indoor).

Erschienen im November 2024 im WWF-Magazin 4/2024.


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