Pro Juventute Magazin // Soziale Medien, Games und Chats gehören zum Alltag von Kindern und Jugendlichen. Pro Juventute engagiert sich dafür, dass sie dabei sicher bleiben.
Gamen bis in die frühen Morgenstunden, Mobbing im Klassenchat, unrealistische Schönheitsideale in den sozialen Medien – die digitale Welt wirkt in den Alltag von Kindern und Jugendlichen hinein, mit all ihren guten, aber eben auch gefährlichen Seiten. Wegzudenken ist das Digitale nicht mehr. Doch der Umgang damit will geübt und von Erziehungspersonen gut vorgelebt sein. Pro Juventute engagiert sich für die für die Förderung von Medienkompetenz und regt zum Dialog zwischen Eltern und Kindern an. Angestrebt wird ein gesunder, kreativer und kritischer Umgang mit digitalen Medien.
„Die Realität der Kinder und Jugendlichen findet auch digital statt, eine Trennung beider Welten gibt es nicht mehr“, weiss Christiane Willemeit, die bei Pro Juventute als Fachperson Medienkompetenz arbeitet. „Das ist auch nichts Schlimmes“, betont Willemeit. „Die digitale Welt ist für viele Kinder und Jugendliche eine Bereicherung.“ Soziale Medien etwa können ein kreativer Spielplatz sein, wo man sich ausdrücken und Bestätigung im Freundeskreis finden kann. Digitale Games können verschiedene Fähigkeiten trainieren. Mit Freunden via Chat in Verbindung bleiben, kann Freundschaften vertiefen. Die Möglichkeit zur Unterhaltung, zur Information und zum Austausch mit anderen Personen scheinen unendlich zu sein.
Wichtig ist dabei aber ein gesunder Umgang mit der digitalen Welt. Dabei brauchen Kinder und Jugendliche Anleitung, die ihnen Eltern und Schule geben müssen, wie Willemeit weiter ausführt: „Das Problem ist häufig, dass Eltern gar nicht genau wissen, wie die Onlinewelt funktioniert. Sie lassen die Kinder entweder einfach machen oder schränken die Bildschirmzeit sehr stark ein. Beides funktioniert nur mässig.“ Sie empfiehlt Eltern deshalb unbedingt, sich zu informieren. „Man muss die Games nicht selbst spielen, nicht selbst auf allen Social-Media-Plattformen sein. Aber wissen, um was es geht.“ So gibt es im Internet verschiedene Ratgeber, die die Online-Games und auch die Apps erklären und auch, welche sinnvoll sind und wo es Gefahr gibt.
Wie viel Bildschirmzeit ist zu viel?
Erster Streitpunkt ist allerdings häufig nur schon die Bildschirmzeit. Denn das Medienverhalten der Kinder und Jugendlichen entspricht nicht immer den Vorstellungen der Erwachsenen. Vorab: ein Patentrezept gibt es nicht. Nicht alle Kinder reagieren gleich auf Medien. Und die Medienerziehung muss zur Familie sowie den Überzeugungen der Eltern passen. Leitplanken zu setzen und die sogenannte „Screen Time“ zu begrenzen, ist jedoch in jedem Alter von Kindern und Jugendlichen sinnvoll. Eine rein zeitliche Beschränkung ist allerdings nicht immer hilfreich: Wenn das Kind mitten in einem Video oder einer Spielrunde aufhören muss, löst das Frust aus und kann heftige Reaktionen provozieren. Eine Möglichkeit wäre, sich an Serienfolgen oder Spielrunden zu orientieren.
Klar ist: Kinder und Jugendlichen können ihr Verhalten noch nicht komplett selbst regulieren und der Umgang mit digitalen Medien kann sie überfordern, denn ihr Gehirn befindet sich noch in der Entwicklung. So können kleine Kinder beispielsweise noch nicht zwischen Realität und Fantasie unterscheiden. Eine böse Hexe in einem Trickfilm ist für sie eine reale Bedrohung. Der Reifeprozess des Hirns dauert etwa bis zum zwanzigsten Lebensjahr oder noch länger. So ist selbst für Jugendliche die Selbstkontrolle im Umgang mit digitalen Medien schwierig, weil der sogenannte Frontalkortex im Hirn bei ihnen noch nicht fertig ausgebildet ist. Dieser ist für Handlungskontrolle, Emotionen und Risikoeinschätzung verantwortlich. Jugendliche denken darum oft nicht über Konsequenzen ihres Tuns nach und handeln impulsiv. Kinder und Jugendliche sind deshalb darauf angewiesen, dass Erwachsene sie beim Erlernen eines gesunden Medienkonsums unterstützten und ihnen als Vorbilder dienen.
Zu viel Zeit in der digitalen Welt zu verbringen, kann negative Folgen haben. Mögliche Anzeichen sind beispielsweise, wenn das Kind andere Hobbys und Freundschaften vernachlässigt und sich zurückzieht, starke Stimmungsschwankungen hat und unter Schlafmangel leidet. Natürlich kann dieses Verhalten auch andere Gründe haben, wie beispielsweise Pubertät, Schwierigkeiten mit Freunden oder Mobbing in der Schule. Willemeit betont deshalb: „Wichtig ist, die Ursache für übermässigen Mediengebrauch zu ergründen.“
Angestaute Emotionen nach Gaming-Marathon
Wie gross die Gefahren im Netz sind, hängt natürlich auch davon ab, was die Kinder und Jugendlichen dort tatsächlich machen. Bei Kindern stehen Gamen und Unterhaltungsapps wie Youtube und Netflix im Vordergrund. Die grosse Herausforderung dabei: Mass halten. Die meisten Games sind darauf ausgelegt, möglichst viel Zeit im Spiel zu verbringen. Kinder lassen sich einfach hineinziehen. Wenn sie aufhören müssen, sind sie wie in einem Film, werden wütend und emotional. Willemeit erklärt: „Man sitzt beim Gamen komplett still. Die Emotionen stauen sich also richtig im Körper an.“ Eine einfach Strategie kann sein, das Kind zwischen zwei Spielrunden 10 Hampelmänner oder eine Bewegungspause machen zu lassen. Dies kann die Spannung entschärfen und die Emotionsregulierung fördern.
Bei Jugendlichen stehen soziale Medien und Nachrichtenapps im Vordergrund. Hier ist der Selbstwert ein wichtiges Thema. „In allen Generationen vergleichen sich Jugendliche mit anderen – das gehört zum Entwickeln der eigenen Identität dazu. Neu an den sozialen Medien ist aber, dass die Beiträge mehr Menschen erreichen, eine grössere Reichweite haben. Und je nach App-Einstellung können wildfremde Menschen die eigenen Beiträge kommentieren – manchmal nicht nur mit positiven Kommentaren.“ Jugendliche beschreiben als grösste Belastung bei den sozialen Medien vor allem, sich mit idealisierten Darstellungen zu vergleichen und dadurch unzufrieden mit dem eigenen Selbst, dem eigenen Leben zu werden. Willemeit rät, mit den Jugendlichen gut zu besprechen, wie sie ihr Profil nutzen möchten. Man müsse nicht jeden Beitrag absegnen, aber im Dialog bleiben und immer wieder fragen, ob sie etwas erlebt haben, das ihnen Unwohlsein oder Angst bereitet hat.
Auch lauern im Netz Gefahren, beispielsweise ist Cybermobbing weit verbreitet. Zudem kommen Kinder und Jugendliche via Nachrichten-Apps und soziale Medien leicht mit Pornographie und Gewaltdarstellungen in Berührung. Und Straftaten wie Cybergrooming und Sextortion nehmen in der Schweiz laut Forschung stetig zu. Bei Cybergrooming stellen Erwachsene online Kontakt zu Kindern für einen sexuellen Übergriff her und unter Sextortion versteht man, dass eine Person mit der Veröffentlichung eigener Nacktfotos oder -videos erpresst wird. Auch hier rät Willemeit dazu, möglichst zu Beginn der Nutzung von digitalen Medien eine offene Kommunikation mit den Kindern zu etablieren. So kann eine tragfähige Basis geschaffen werden, auf der die Kinder wissen, dass sie sich bei Unwohlsein oder konkreten Vorfällen vertrauensvoll (und ohne Sorgen wegen einer Verurteilung) an die Eltern wenden können.
Engagiert für digitale Medienkompetenz
Pro Juventute führt Medienworkshops für Schülerinnen und Schüler in der ganzen Schweiz durch. Davon habe im vergangenen Jahr 4200 Kinder und Jugendliche profitiert. Für Eltern gibt es kostenfreie Online-Veranstaltungen zu verschiedenen Themen der digitalen Welt, darunter auch zu Gefahren im Netz wie Sextortion und Cybergrooming. Anhand konkreter Beispiele erhalten sie Informationen und Tipps zum Umgang mit digitalen Medien im Familienalltag. Zudem hat Pro Juventute Infoblätter gestaltet, die zu jeder Online-Plattform aufzeigen, was Vorteile und Herausforderungen sind.
Auch auf politischer Ebene engagiert sich Pro Juventute dafür, dass Kinder und Jugendliche in der digitalen Welt sicher sind und bei Sorgen Unterstützung finden. Dabei setzt sich Pro Juventute dafür ein, dass gemeinsame Regeln für eine verantwortungsvolle Nutzung aufgestellt werden und die Prävention gestärkt wird. Diese Sicht vertritt auch der Bundesrat. In seiner Antwort auf eine Interpellation von Nationalrätin Regina Durrer zum Stand der Medienkompetenzförderung betont der Bundesrat, dass der Kinder- und Jugendschutz im Internet in erster Linie durch Prävention und Sensibilisierung gestärkt werden kann. Für Pro Juventute ist es zudem wichtig, dass Unternehmen und Anbieter digitaler Plattformen stärker in Pflicht genommen werden.
Erschienen im Mai 2025 im Pro-Juventute-Magazin «Futura« 1/2025.
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