WWF Magazin // Panzersperren sollten uns einst vor dem militärischen Gegner schützen. Heute bieten die Betonblöcke wertvollen Lebensraum für Insekten, Reptilien und seltene Pflanzen – auch dank der Arbeit von Umweltorganisationen.
Eindrücklich schlängelt sich die Betonmauer durch die Landschaft beim bernischen Neuenegg. Über 800 Meter lang ist sie, an einen steilen Hang gebaut. Ueli Scheuermeier geht zügigen Schrittes die Wiese hinauf, zeigt auf mit Ackerrosen überwachsene Metallgitter und lose vor der Mauer aufgeschüttete Steine. „Das sind wunderbare Lebensräume für Vögel, Eidechsen und Insekten“, sagt Scheuermeier, der jeden Meter dieser Wand kennt. Als Aktiver beim WWF Bern und BirdLife Bern hat er vor 15 Jahren dabei geholfen, dass die Vogelschutzorganisation die Panzersperre der Armee abkaufen und gemeinsam mit dem WWF ein Biodiversitätsprojekt umsetzen konnte.
Eine Chance für die Natur
Panzersperren kommen in der Schweiz in verschiedenen Formen vor, etwa als tobleroneförmige Betonblöcke oder als langgezogene Betonmauern. Sie wurden während des Zweiten Weltkriegs errichtet, um einen möglichen Ansturm gegnerischer Panzer zu stoppen. Mit dem Ende des Kalten Krieges verloren die Betonriegel ihren ursprünglichen Zweck, ihre Beseitigung hingegen war häufig zu teuer. Also überliess man die Panzersperren sich selbst.
Findige Köpfe nutzen das brachliegende Land zum Beispiel als Christbaumplantage. Oder färbten Betonblöcke bei Thun rosa ein, um gegen das Kriegsgeschäft zu protestieren. Doch viele Sperren verwucherten einfach und biden nun Wildnisinseln inmitten des intensiv genutzten Kulturlands. Für den Naturschutz waren die Sperren eine Chance. Denn gerade im Mittelland sind natürliche Lebensräume für viele gefährdete Arten selten geworden. Für ihr Überleben ist der Erhalt solcher Biotope und deren untereinander wichtig. Diese Aufgabe können Panzersperren zum Teil übernehmen.
Imagekampagne der Armee
Ein Forschungsprojekt der Zürcher Hochschule der Künste dokumentiert anhand zahlreicher historischer Dokumente den Wandel der Panzersperren-Gebiete vom militärischen Abwehrbauwerk zum Naturschutzraum. Mit dem ersten Umweltbericht der Armee zeigt das Projekt unter anderem auf, wie sie sich in einer Imagekampagne als Umweltschützerin inszeniert. Es belegt auch die ersten Aufwertungsprojekte, mit welchen auf die Worte Taten folgten, häufig in Zusammenarbeit mit lokalen Naturschutzvereinen. Oft überliess die Armee diesen das Land zu einem günstigen Preis.
Wie etwa in Laupen im Bernbiet: „Der Landwirt, dem das Land ober- und unterhalb der Mauer gehört, war nicht an einem Kauf interessiert“, erinnert sich Scheuermeier. „Für ihn hätte das Land vor allem Arbeit und wenig Ertrag bedeutet.“ Die Naturschutzvereine hingegen sahen ein ökologisches Potential: „Entlang dieser Mauer gibt es so viele verschiedene Lebensräume“, sagt Scheuermeier. „Von ganz trockenen, heissen Stellen, die etwa für Eidechsen wichtig sind, bis hin zu Feuchtgebieten unter den alten Eichen, die entlang der Mauer wachsen.“ Die langgezogene Mauer ist zudem ein idealer Vernetzungskorridor. Denn für eine gesunde Biodiversität braucht es nicht nur einzelne Flächen, in denen die Vielfalt der Natur gefördert wird, sondern auch Verbindungen zwischen diesen Flächen.
Pro Natura ist Vorreiterin beim Aufwerten von Panzersperren. 2020 standen bei der Armee über 300 solcher Objekte zum Verkauf. Im Rahmen ihrer Kampagne „Freie Bahn für Wildtiere!“ entschied Pro Natura, ein nationales Projekt zur ökologischen Aufwertung von Panzersperren umzusetzen. Es umfasst den Kauf solcher Panzersperren und in einem zweiten Schritt deren Aufwertung als Vernetzungsstruktur für Kleintiere.
Projektleiterin Andrea Haslinger erzählt: „Pro Natura hat 300 Objekte auf ihr Potential für die Vernetzung geprüft und gut ein Dutzend ausgediente Panzersperren gekauft. Einige davon bilden bereits heute wichtige und wertvolle Vernetzungsstrukturen, andere werden wir zuerst ökologisch aufwerten.“ Auch andere Umweltorganisationen wie etwa BirdLife oder der WWF Schweiz haben Land mit Panzersperren gekauft oder unterhalten Projekte darauf.
Ringelnatter und Feldgrille
Zum Beispiel in Näfels GL: Hier wurden einst Gräben ausgehoben, um Panzer am Vorwärtskommen zu hindern. Das Land hat Armasuisse, die Immobilienverwalterin der Armee, der Gemeinde Glarus Nord verkauft. Diese wiederum hat dem Vorprojekt des WWF für eine ökologische Aufwertung zugestimmt, der die geplanten Massnahmen umsetzt. „Wir wollen neue Lebensräume wie temporäre Tümpel, Flachwasserzonen, artenreiche Wiesen und Wildhecken schaffen und die Landlebensräume vernetzen“, erklärt WWF-Projektleiterin Anita Wyss. „Damit fördern wir etwa zwanzig gefährdete Tierarten wie Eisvogel, Hermelin, Ringelnatter und Feldgrille.“
Korridore für Tiere
Auch bei diesem Projekt war die Vernetzung wichtig. Die Gräben erstrecken sich über 1,4 Kilometer. So entsteht ein Wanderkorridor für Tiere, damit sie sich zwischen verschiedenen Lebensräumen bewegen können. Dadurch bleiben lokale Populationen genetisch durchmischt. „Es ist der einzige Wanderkorridor weit und breit“, sagt Wyss. „Wir sichern so das langfristige Überleben von Arten, davon profitiert zum Beispiel das seltene Wiesel.“
Im bernischen Neuenegg geht der Rundgang mit Ueli Scheuermeier zu Ende. Er trifft auf den Landwirt, dem das Land unter- und oberhalb der Mauer gehört. Die beiden sind rasch im angeregten Gespräch, tauschen sich aus über den Zustand der Eichen, über Maulwürfe in der Wiese und darüber, ob die einstige Panzersperre gut unterhalten wird. Denn BirdLife und WWF sorgen gemeinsam dafür, dass sich die Pflanzen entlang der Mauer nicht ins Land des Bauern ausbreiten. „Die Landwirte haben selbst genug zu tun, sie können nicht auch noch unsere Projekte bewirtschaften“, betont Scheuermeier.
Die beiden Umweltorganisationen führen deshalb jährliche Natureinsätze mit Freiwilligen durch. Bei einem flachen Steinhaufen bleiben Landwirt und Umweltschützer stehen. Eine Eidechse flitzt unter einen Stein. Der Platz sei auch ein idealer Rückzugsort für ein Wiesel, sagt Scheuermeier. Ob schon eines eingezogen sei, weiss er zwar nicht. „Doch dank dem Einsatz unserer vielen Freiwilligen hat es jetzt die Möglichkeit dazu.“
Erschienen im August 2025 im WWF Magazin 3/2025.
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