Begehrte Arktis, bedrohte Wale

WWF Magazin // Wertvolle Bodenschätze, neue Schiffsrouten, mehr Touristen und wachsende Expansionsgelüste von Grossmächten – die Arktis mutiert zum geopolitischen Brennpunkt. Mittendrin leben Wale, deren Wanderkorridore zunehmend bedroht sind.

Auf dem tiefblauen Wasser schaukelt das kleine Schlauchboot auf den Wellen. Eisstücke treiben herum, weiter entfernt schwimmen grössere Eisberge im Wasser. Die Luft ist kalt, eisig gar. Jeder Atemzug erinnert daran, dass diese endlose Landschaft einem alles abverlangt. „Die Weite dieser rauen Natur hat mich sprachlos gemacht“, erinnert sich Vicky Lee Wallgren an eine Expedition vor der Küste Ostgrönlands. „Und dann sahen wir einen Grönlandwal, der sich langsam unserem Boot näherte“, erzählt die Direktorin des globalen WWF-Arktisprogramms.

Das gewaltige Tier war mindestens dreimal so lang wie das Schlauchboot. Der Wal schwamm in einer geraden Linie und blies dabei kleine Luftbläschen ins Wasser. So trieb er kleine Fische und Krill zusammen. „Dieses Verhalten kennen wir vor allem von Buckelwalgruppen. Dass auch Grönlandwale so Beute machen, ist weniger bekannt. Das zu beobachten, war absolut magisch.“

Die Arktis ist die Region auf unserem Planeten, die sich nördlicher als 65,5 Grad nördlicher Breite befindet. Der zentrale Arktische Ozean liegt ausserhalb der Grenzen der Hoheitsgebiete einzelner Nationen. Das Gebiet ist von Landmassen umgeben, die zu Kanada, den USA, Russland, Norwegen und zum Königreich Dänemark gehören. Lange Zeit war es in dieser Region vergleichsweise ruhig, zumal das raue Klima das Leben dort herausfordernd macht. Doch das heisst nicht, dass es in der Arktis kein Leben gibt: Verschiedene indigene Völker leben seit Jahrtausenden in der Arktisregion. Und zahlreiche Tier- und Pflanzenarten haben sich hier auf das Leben bei kältesten Temperaturen spezialisiert.

Die Walwanderungen

Zu ihnen gehören auch die Wale. Drei Arten leben das ganze Jahr über hier: Grönlandwal, Belugawal und Narwal. Im Frühjahr und Herbst finden zudem zahlreiche Wanderungen weiterer Arten statt, bei denen Zehntausende von Walen in die nahrungsreichen Gewässer schwimmen. Denn wie die Vögel auf der ganzen Welt wandern auch viele Walarten zwischen saisonalen Lebensräumen. „Das sind Marathon-Wanderungen“, sagt Lee Wallgren.

Die Wanderungen gehören zum Lebenszyklus der Wale. So finden sie das ganze Jahr über Nahrung und erreichen geschützte Orte for die Aufzucht ihrer Jungen. Manche Wale wandern Tausende von Kilometern aus den Tropen, währen die drei Artkis-Walarten kürzere Strecken innerhalb der Arktis zurücklegen. Lee Wallgren betont: „Der Arktische Ozean ist ein wichtiger Lebensraum für ein Viertel aller Walarten.“

Während die Wale in der Arktis jahrhundertelang in relativer Abgeschiedenheit leben konnten, hat sich dies in den letzten Jahren geändert. Auch Vicki Lee Wallgren ist das aufgefallen, trotz des einzigartigen Naturerlebnisses: „Ich liebte die Weite, Ruhe und Schönheit. Was ich aber auch wahrnahm: Um uns herum waren überall Menschen. Touristen auf Kreuzfahrtschiffen, aber auch grosse Transportschiffe. Sogar hier waren wir nicht allein.“

Die Arktis rückt durch die steigenden Temperaturen zunehmend in den geopolitischen Fokus. Das schmelzende Eis eröffnet neue Möglichkeiten für Schifffahrt, Rohstoffindustrie, Fischerei und Tourismus. „Hier ist so viel in Bewegung, und das wirkt sich auch auf das Leben der Wale aus“, erklärt Alice Eymard-Duvernay, beim WWF Schweiz für den Meeresschutz zuständig. Sie ist über diese Entwicklung besorgt: „In der Arktis wird es plötzlich eng für die Wale.“

Globale Konsequenzen

Die Folgen der Klimaerhitzung an. sich sind schon ein Problem. Die Arktis hat sich über die letzten vier Jahrzehnte drei- bis viermal schneller erwärmt als der globale Durchschnitt. Das hat Konsequenzen für die ganze Welt: Wenn etwa der Permafrostboden auftaut, stösst er Kohlestoff und Methan aus, was die Klimaerhitzung weiter antreibt. Die zunehmende Erwärmung lässt den grönländischen Eisschild und die arktischen Gletscher schmelzen, wodurch der Meeresspiegel weltweit ansteigt.

Doch auf die Arktis wirkt sich die Klimaerhitzung besonders stark aus. „Es wird nicht einfach nur etwas wärmer“, betont Lee Wallgren. „Wenn das Eis schmilzt, fällt das Essenzielle dieses Lebensraums weg. Viele Teile des Ökosystems Arktis funktionieren ohne Eis nicht mehr.“ So scheinen sich etwa die arktischen Wale auf ihren Wanderungen am Meereseis zu orientieren.

Die Schifffahrt bedroht die Arktis

Arktische Arten, die früher weitgehend von industriellen Aktivitäten abgeschirmt waren, sind heute zunehmend von den Auswirkungen der Schifffahrt bedroht – von Lärm über Wasserverschmutzung bis hin zu Kollisionen mit Schiffen. „Die Zahl der in der Arktis verkehrenden Schiffe ist von 2013 bis 2023 um 37 Prozent gestiegen, und die Distanz, die Schiffe in der Arktis zurücklegen, hat sich gar verdoppelt“, so Lee Wallgren. Obwohl es sich bei den meisten Schiffen um Fischerei- und Frachtschiffe handelt, hat in den letzten Jahren auch der Kreuzfahrttourismus in der Arktis zugenommen.

Wie sich das schmelzende Eis auf die Schifffahrt auswirkt, wird untersucht. Eine kanadische Studie zeigt, dass die zusätzlich im Meer treibenden Eisblöcke gewisse Schifffahrtrouten eher gefährlicher machen können. Sicher ist, dass menschliche Aktivitäten in der Arktis zunehmen. Denn die Region ist reich an Rohstoffen wie Öl und Gas, und das veränderte Klima ermöglicht deren Förderung. Deshalb wird die Gegend strategisch immer wichtiger. Russland will künftig mehr Soldaten in der Arktis stationieren, und die USA sind an Grönland interessiert. Die geopolitischen Rivalitäten um die Arktis wachsen.

Die verstärkte menschliche Präsenz in der Arktis hat Konsequenzen für die Wale. Auf ihren Wanderrouten sind Kollisionen mit Schiffen mittlerweile häufig und nicht mehr bloss Einzelfälle. Ölverschmutzungen und Unterwasserlärm durch Schiffe und Tiefseebohrungen bereiten den Meeressäugern gemäss Lee Wallgren sogar noch mehr Probleme. „Wale werden durch den Lärm in ihrer Kommunikation gestört und verlieren die Orientierung“, weiss Meeresschützerin Eymard-Duvernay. „Man geht davon aus, dass Wale stranden, weil sie sich nicht mehr orientieren können, und dass der Lärm ihre Partnersuche und die Nahrungssuche erschwert.“

Der WWF hat deshalb analysiert, wo sich menschliche Aktivitäten besonders stark mit den Migrationsrouten der Wale überschneiden. Der Bericht Arctic Blue Corridors ist ein wichtiger Ausgangspunkt für Schutzmassnahmen. „Bislang haben sich die Schutzbemühungen weitgehend auf die Sommer- und Winterlebensräume der Wale konzentriert“, sagt Lee Wallgren, deren Team den Bericht erstellt hat. „Doch der neue Bericht zeigt deutlich, dass Wale auch auf ihren Wanderrouten Schutz brauchen.“

Andere Schiffrouten

Es gibt Lösungen. Doe sie bedingen Zugeständnisse der Schifffahrtbetreiber: Schiffe sollten mögliche Wanderkorridore von Walen meiden. Aber Ausweichen ist nicht immer möglich. Das Arktische Meer ist zwar gross, doch Schiffe und Wale sind wegen Meeresströmungen und -tiefen an gewisse Routen mit zum Teil schmalen Stellen gebunden.

Das zeigt sich zum Beispiel in der Meerenge Hudson Strait: Hier könnten Schiffe ihr Tempo drosseln und so ihren Lärm dämpfen und Kollisionen vermeiden. Was sich zusätzlich positiv aufs Klima auswirken würde: „Eine Temporeduktion um 10 Prozent kann die Emissionen eines Schiffes um fast 30 Prozent senken“, so Lee Wallgren. Doch obwohl gedrosseltes Tempo als griffige Massnahme anerkannt ist, hindert der Konkurrenzdruck viele Unternehmen am langsameren Fahren.

Der WWF appelliert deshalb an internationale Gremien, sich für verbindliche Regeln einzusetzen. Lee Wallgren sagt: „Selbst eine Temporeduktion für Teilabschnitte bringt erhebliche Vorteile für die Arktis.“ Man könnte sie etwa in Schutzgebieten vorschreiben.

„Wir haben unsere Wet so aufgebaut, dass wir auf die Schifffahrt angewiesen sind“, ist sich Vicki Lee Wallgren bewusst. „Aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir zum Überleben auch auf die Natur angewiesen sind.“ Alice Eymard-Duvernay pflichtet dem bei: „Die schmelzende Welt im hohen Norden darf nicht einfach als wirtschaftliche Chance gesehen werden, die wir ohne Konsequenzen ausbeuten können. Die Arktis ist ein einzigartiger Lebensraum, den wir schützen müssen, und die arktischen Wale sind ein wichtiger Teil davon.“

Erschienen im August 2025 im WWF Magazin 3/2025.


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