Pro Juventute Magazin // Suizid ist die zweithäufigste Todesursache bei jungen Menschen. Caroline Pulver von Pro Juventute darüber, wie Suizidgedanken entstehen und wie wir als Gesellschaft diese Kinder und Jugendliche auffangen können.
„Ui nein, wenn das passiert, dann kann ich nicht mehr leben! – „Ja voll, das wäre ja so unerträglich und peinlich. Ich würde mich auch lieber umbringen.“ – Teenager sind Profis der Superlative. Von der „Zeit ihres Lebens“ hin zu „am Boden zerstört“ ist der Weg oft kurz. Aus ihrer Perspektive betrachtet, scheint sich das Leben durch teilweise alltägliche Dinge unwiderruflich zu verschlechtern. Eine falsche Nachricht und schon ist die Laune im Keller und das Leben erscheint sinnlos. Häufig sieht die Welt einen Tag später aber schon wieder heller aus. Und doch: Wie kann ein tatsächlicher Hilfebedarf erkannt werden? Was passiert, wen aus einer saloppen Aussage plötzlich Ernst wird? Wie weit ist der Weg von Suizidgedanken zu einem Versuch?
So viel vorneweg: In der Schweiz nimmt die Zahl der Suizide bei Jugendlichen ab, wie die aktuellen Erhebungen des Bundesamts für Statistik zeigen. Doch immer noch ist Suizid bei Menschen zwischen 16 und 25 Jahren die zweithäufigste Todesursache. Und die Zahl jener, die Suizidgedanken haben, nimmt zu. So waren Suizidgedanken 2024 das häufigste Thema bei 147, der Beratung und Hilfe für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene von Pro Juventute. Im Schnitt gingen täglich 13 Anfragen dazu ein. Im Vorjahr waren es noch neun.
Wie sollen wir als Gesellschaft mit diesem erschreckenden Trend umgehen? Caroline Pulver, Standortverantwortliche Beratung Deutschschweiz von Pro Juventute, ordnet ein: „Dass junge Menschen sich manchmal Überlegungen machen, wie es wäre, nicht mehr zu leben, gehört zur Entwicklung dazu.“ Mit etwa neun Jahren werden Kinder sich ihrer Sterblichkeit bewusst und denken darüber nach, wie die Welt ohne sie wäre. Nicht mehr da zu sein bedeutet in dieser Art der Auseinandersetzung, dass auch all ihre Probleme dann gelöst wären. Pulver betont: „Solche Gedanken sind per se noch nicht Ausdruck davon, sich das Leben nehmen zu wollen.“ Wichtig ist aber, dass Kinder in einem Umfeld aufwachsen, in dem sie über solche Themen und Gedanken sprechen können.
Damit es zu Suizidgedanken oder sogar -absichten kommt, braucht es mehr als solche Überlegungen über die eigene Sterblichkeit. Das können Faktoren wie psychische Erkrankungen sein. Oder externe Faktoren, wie gemobbt zu werden oder in einer schwierigen familiären Situation aufzuwachsen. Verstärkt werden können Suizidgedanken auch durch Aussichtslosigkeit und Ohnmachtsgefühle in Bezug auf die eigene Situation oder auch hinsichtlich der Weltlage. Ein gewisser Weltschmerz also.
Je konkreter die Pläne, desto grösser die Gefahr
Statistisch lässt sich sagen, dass Männer gefährdeter sind, Suizid zu begehen, als Frauen. Bei Jugendlichen sowie bei Erwachsenen. Mindestens acht von zehn durch Suizid verstorbene Jugendliche sind männlich. „Die höhere Zahl ist einerseits auf die Methoden zurückzuführen – junge Männer und Männer wählen grundsätzlich häufiger härtere, endgültigere Methoden, um sich das Leben zu nehmen. Andererseits hängt es damit zusammen, dass Jungen und Männer sich eher später öffnen und Hilfe suchen“, sagt Pulver.
Weitere Faktoren wie die sozioökonomische Situation, Armut oder Migrationshintergrund, der Beruf oder die sexuelle Orientierung lassen keine statistisch relevanten Aussagen zu. „Es ist meistens so, dass verschiedene Gründe zusammenkommen. Was wir sagen können: Je öfter und intensiver jemand Suizidgedanken hat, desto wahrscheinlicher wird es. Je konkreter die Pläne sind, desto gefährlicher wird die Situation. Auch wer es schon einmal versucht hat, bleibt weiterhin gefährdet.“
Darf man Menschen denn daran hindern, sich das Leben zu nehmen? „Da möchte ich unterscheiden zwischen Erwachsenen und Jugendlichen“, betont Pulver. „Bei Erwachsenen gibt es die Diskussion über das Recht auf den eigenen Tod. Die Schweiz ist sehr liberal, was dieses Recht angeht. Bei Kindern und Jugendlichen ist die Situation aber eine andere. Sie haben aufgrund ihres Alters und ihrer Entwicklung das Recht auf Schutz und Unterstützung ihres Heranwachsens und ihres Lebens.“
Bei jungen Menschen sei die körperliche und psychische Entwicklung noch nicht soweit abgeschlossen, dass die Tragweite des Entscheids über den eigenen Tod wirklich ermessen werden können. „Es gibt gute Gründe, weshalb wir gewisse Dinge erst ab 18 Jahren tun dürfen.“ Es gehöre zur Adoleszenz dazu, dass die Gefühlswelt von einem Extrem ins andere wechselt. Wo das Leben heute noch rosig aussieht, kann es morgen tiefschwarz sein. „Der Auslöser für solche Gefühlsschwankungen kann etwas für uns Erwachsene Banales sein. In der Wahrnehmung von Kindern und Jugendlichen kann es aber so schlimm sein, dass sie nicht mehr leben als einzigen Ausweg sehen.“
Hinschauen, ansprechen, Raum für Lösungen schaffen
Gerade deshalb sind gute und verschiedene Präventionsmassnahmen und -angebote wichtig. Denn manchmal genügt ein kurzer Zeitraum, um eine ausweglose Situation anders betrachten zu können und den Tunnelblick, der Suizidhandlungen vorausgeht, zu öffnen. Besonders wichtig: Darüber sprechen. Dabei geht es nicht darum, im Gespräch Suizid zu normalisieren. Sondern ein Bewusstsein zu schaffen, dass solche Gedanken entstehen und dass die jungen Menschen ihnen nicht ausgeliefert sein müssen. Sie dürfen diese Gedanken auch wieder loslassen. „Das Thema Suizid wird in unserer Gesellschaft immer noch tabuisiert. Es fällt vielen schwer, das Thema offen anzusprechen. Oft wird es zur Seite geschoben oder überspielt. Es wird von ‚riskanten Spielen‘ gesprochen oder von ‚tragischen Unfällen’“, sagt Pulver.
Eine weitere Massnahme: Als Eltern, Bezugs- und Betreuungspersonen oder grundsätzlich als erwachsene Person im näheren Umfeld eines Kindes oder Jugendlichen ist es wichtig, aufmerksam zu sein. Achten Sie darauf, wenn sich ein Kind oder junge Person zunehmend zurückzieht, starke Stimmungsschwankungen zeigt, diffuse Ängste äussert oder andere psychische Belastungen auftreten. Fragen Sie die jungen Menschen, wie es ihnen geht, ob sie Ihnen etwas anvertrauen möchten oder teilen Sie ihnen mit, dass sie Ihnen wichtig sind.
In einer akuten Krise kann alles, was eine emotionale Verbindung stärkt, schützen: ein Anruf, eine Textnachricht oder ein kurzes Gespräch. Was für einen affektiv nicht beeinträchtigten Menschen eine Banalität darstellt, kann bei einer suizidgefährdeten Person zum Schutzfaktor werden. „Viele Aussenstehende haben Angst, etwas Falsches zu sagen oder durch das Ansprechen die Suizidgefahr zu verstärken. Das ist aber nicht so. Offen ansprechen zeigt, dass die Jugendlichen und Kinder in ihren Gedanken und Wahrnehmungen ernst genommen werden und ein Raum geschaffen werden soll, um einen anderen Weg aus der Krise zu finden.“
Nicht zu unterschätzen sind deshalb auch Beratungsangebote wie 147 von Pro Juventute. „Solche Anlaufstellen, die rund um die Uhr, vertraulich und eifach erreichbar sind, können einen jungen Menschen in der aktuellen Krise auffangen“, sagt Pulver. Diese Angebote ersetzen keine Therapie. Aber sie können überbrücken und unterstützen, bis ein Therapieplatz oder der nächste Termin da ist. „Therapeutinnen und Therapeuten raten den Kindern und Jugendlichen deshalb auch, Angebote wie 147 als Soforthilfe oder Teil eines Notfallplans zu nutzen.“
Das Ziel von 147 ist es, die kontaktsuchende Person zu stabilisieren und gemeinsam erste Schritte aus der Krise zu erarbeiten. Die Beratung zeigt Wirkung. Pulver weiss aus den Rückmeldungen der Beratungspersonen: „In 80 Prozent der Beratungen erarbeiten die ratsuchenden Kinder und Jugendlichen gemeinsam mit den Beratungspersonen einen konkreten nächsten Schritt, was ihnen Zuversicht gibt.“
Erschienen im Oktober 2025 im Pro-Juventute-Magazin «Futura« 2/2025.
Hinterlasse einen Kommentar