60 rohe Eier – auf unbekannten Pfaden in Kirgistan

Porträt über den Winterthurer Bergsteiger Alex Pohl für den Winterthurer Landboten.

Bergsteigen ist die Leidenschaft von Alex Pohl. Statt auf die höchsten Gipfel zieht es den Winterthurer aber in abgelegene Gebiete – wie diesen Spätsommer in ein unberührtes Tal in Kirgistan. 

«Der Everest war nie mein Ziel», sagt Alex Pohl. «Der Rummelpark dort ist mir ein Graus.» Mehr, als immer noch höhere Gipfel zu erklettern, reizt ihn, das Unbekannte zu erforschen. So ist der 27-jährige Winterthurer Bergsteiger Mitte August zu einer dreiwöchigen Expedition nach Kirgistan aufgebrochen. In ein praktisch unentdecktes Tal, das zuletzt vor zwanzig Jahren von Russen erforscht wurde.

Am 14. August sind Alex Pohl, Christof Wettstein, Beat Schläppi und Jürg Rast, Kollegen aus der Rekrutenschule, von einem alten sowjetischen Militärhelikopter im Kaindytal abgesetzt worden. Die nächsten zwei Wochen werden sie dort verbringen, in einem selbst errichteten Basislager. Auf einer Höhe von rund 4000 Metern. In einer Umgebung aus Eis und Stein, ohne Pflanzen und, abgesehen von ein paar Raben, ohne sichtbare Tiere. Und ohne jeglichen menschlichen Kontakt.

Alte, handgezeichnete Karten 

«Auf Kirgistan fiel die Wahl eigentlich eher zufällig», erzählt Pohl. Vor einem Jahr haben die vier erfahrenen Bergsteiger beschlossen, irgendwo eine länge- re Expedition durchzuführen. «Auch Alaska und Peru standen zur Diskussion.» Aus klimatechnischen Gründen und persönlichen Präferenzen entschieden sie sich für Kirgistan.

Auf Google Maps haben sich die vier die Geografie des Landes angesehen. Und dabei das Kaindytal entdeckt. Nach einer ersten Anfrage bei einer kirgisischen Reiseagentur waren sie in ihrem Entschluss bestärkt. «Die Agentur hatte uns zuerst von diesem Tal abgeraten. Es sei relativ gefährlich, immerhin seien dort in den 90er-Jahren mehrere Alpinisten tödlich verunfallt. Und zudem seien dort nicht einmal die höchsten Gipfel», sagt Pohl. «Für uns hiess das aber: Dort gibt es noch unbekanntes Terrain zu entdecken.» Nach einigem Suchen fanden sie alte, handgezeichnete sowjetische Karten des Tals. Ein Tourenbuch oder etwas Ähnliches existiert nicht. Und auf einen lokalen Bergführer wollten sie bewusst verzichten: «Ein Bergführer kam nicht infrage – wir wollten das Tal selber entdecken.»

200 Kilogramm Lebensmittel 

Mit 60 Kilogramm Gepäck pro Person flogen sie nach Bischkek. Auf dem Basar kauften sie zusätzliche 200 Kilogramm Lebensmittel ein. «Wir hatten 60 rohe Eier dabei.» Mit dem Taxi quer durchs Land und schliesslich mit dem He­li­ko­pter reisten sie ins Kaindytal.

«Zuerst bauten wir unser Basislager auf. Dabei konnten wir uns an die Höhe gewöhnen.» Bereits am dritten Tag erklommen sie ihren ersten Gipfel auf 5171 Meter über Meer. Einen Berg, den sie zunächst unterschätzt hatten, wie Pohl sagt. «Wir tauften ihn deshalb den ‹Unscheinbaren›.» Vier Tage später erreichten sie den Gipfel des «Hausbergs» ihres Lagers auf 5354 Höhenmetern. Ein zweiter Erfolg.

Das Gelände war aber grundsätzlich schwieriger, als sie zuerst gedacht hatten, bilanziert Pohl. So hätten sie einzelne Touren abbrechen müssen: Bei einem Gipfelversuch beispielsweise waren die labilen Schneeablagerungen auf dem Grat so gross und unübersichtlich gewesen, dass sie nicht sicher überquert werden konnten. Die Bergsteiger sind bewusst sehr defensiv vorgegangen. «Risiken wären hier fehl am Platz gewesen. Wir wussten, wenn sich hier jemand nur schon ein Bein bricht, kann es Tage dauern, bis wir ihn rausbekommen.»

«Wir wussten, wenn sich hier jemand nur schon ein Bein bricht, kann es Tage dauern, bis wir ihn rausbekommen.»

Alex Pohl, Bergsteiger

Auch machte ihnen das Wetter einen Strich durch die Rechnung: Nach acht Tagen begann es während eines Sturms zu schneien. «Wir verbrachten die Zeit mit Kartenspielen in unseren Zelten. Und mit Schneeschaufeln.» Als klar wurde, dass sich das Wetter in den nachfolgenden Tagen nur kurz bessern würde, beschlossen die vier, die Expedition vorzeitig abzubrechen. «Wir mussten diese eine kurze Wetteraufbesserung nutzen, dass der Heli uns rausholen konnte», sagt Pohl. «Sonst wären wir weitere Tage oder Wochen in den Zelten festgesessen und hätten im schlimmsten Fall sogar zu Fuss durch den Neuschnee 60 Kilometer aus dem Tal laufen müssen.»

Also funkten sie in die Helibasis. Nach einigen Tagen erst kommt das erlösende Funktelefon: Der Heli ist unterwegs. «Wir haben in nur einer Stunde das ganze Camp zusammengeräumt.»

Nur einmal richtig Schiss 

Erleichterung habe er verspürt, als sie mit dem Piloten zum ersten Mal seit zwei Wochen wieder ein neues Gesicht erblickten. Erleichterung darüber, dass das Abenteuer ohne Verletzungen und mit zwei erfolgreichen Erstbesteigungen zu Ende gehen würde. Die Expedition habe natürlich Lust auf mehr gemacht. «Pakistan oder Afghanistan würden mich landschaftlich reizen», sagt Pohl. «Im Moment ist aber erst einmal wieder Arbeiten angesagt.»

Angst hatte er während der Zeit im Tal, während der Bergtouren und während der Schneestürme, eigentlich nie. «Nur einmal hatte ich so richtig Schiss», sagt Pohl lachend. «Als ich für unseren Rückflug den Heli einweisen musste und dieses Riesending nur wenige Meter vor mir aufsetzte. Die Rotorblätter haben den Schnee aufgewirbelt, es war laut, ich habe fast nichts mehr gesehen und kaum mehr atmen können. Da habe ich mir fast in die Hosen gemacht.»

Erschienen am 22.10.2015 im Landboten.


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