Ein Listicle für die Reise-Rubrik des Tages-Anzeigers.
Die abgelegenen Shetland-Inseln wurden vom Reiseführer Lonely Planet zu einer europäischen Top-Destination 2019 erkoren. Diese neun Gründe machen diese nördlichste Inselgruppe Grossbritanniens zur Muss-Destination für Naturfreunde, Geschichts-Nerds und Adrenalin-Junkies.
Abgelegener geht kaum
Wo der Atlantik auf die Nordsee trifft und sich die Grenze zwischen Skandinavien und Schottland aufweicht, liegt Shetland, Grossbritanniens nördlichster Punkt. Shetland ist eine Inselgruppe, die rund 100 Inseln umfasst, 15 davon sind bewohnt. Von der Hauptinsel “Mainland” aus erreicht man die umliegenden Inseln per Fähre, so etwa die zweitgrösste Insel Yell, das Vogelbeobachter-Paradies Fetlar, die abgelegenen Out Skerries oder das kleine Unst, die nördlichste von Grossbritanniens nördlichsten Inseln. Selbst die Anreise nach Shetland ist abenteuerlich: Von Aberdeen aus nimmt man am besten die Nachtfähre und lässt sich auf eine 12-stündige Fahrt durch eine oftmals stürmische See ein. Wenn es ruhiger ist, lassen sich Delphine beobachten und nach Einbruch der Dunkelheit ein einmaliger Sternenhimmel.
Schottland ohne die Touristenmassen
Shetland bietet alles, was Touristen seit jeher an Schottland lieben: Einsame Strände, imposante Küsten, grüne Hügelzüge, eine Menge Schafe, unzählige gemütliche Pubs, bester Whisky , trockenster schottischer Humor und herzlichste schottische Gastfreundschaft. Weil die Inseln aber so abgelegen sind, erlebt der abenteuerlustige Reisende hier all dies ohne die auf dem Festland mittlerweile fast schon abschreckenden Touristenmassen. Bed and Breakfasts haben in Shetland der Hauptsaison noch freie Betten, die Wandergebiete versprechen Einsamkeit und halten sie auch.
Wikinger-Geschichte erwacht zum Leben
Die Wikinger haben Shetland im Mittelalter im Sturm erobert. Die Inseln waren ein wichtiger Durchgangsort im Wikinger-Reichs und viele haben sich dauerhaft niedergelassen und Häuser und Farmen errichtet. Auf der Insel Unst sind Überreste dieser Häuser zu sehen, ein Nachbau eines Wikinger-Langschiffes und Shetland’s grösster “Standing Stone”. Zudem wird in Shetland Wikinger-Kultur jeden Januar zum Leben erweckt, wenn die Dörfer und Städte Up-Helly-Aa feiern: Als Wikinger verkleidet tragen die Einheimischen ein Langschiff mit einem spektakulären Fackelumzug durch die Strassen, bevor es unter grossem Gejubel in Brand gesetzt wird.
Geigenirrsinn in Lerwick
Lerwick, die Hauptstadt der Shetland-Inseln, ist eine ideale Basis um die Inseln zu erkunden. Das kleine, charmante Städtchen wurde so nah ans Wasser gebaut, dass die Wellen gegen die Mauern einzelner Häuser schlagen. An der schmalen Hauptstrasse reihen sich Pubs, die wöchentlich Live-Musik bieten. Lokale Geigenspieler zeigen hier ihr Talent und Besucher sind oft eingeladen mitzuspielen. Darüberhinaus wird die Liebe zur Musik mit jährlichen Festivals noch mehr zelebriert, so etwa am “Shetland Folk Festival”, am “Shetland Accordion & Fiddle Festival” und an der treffend benannten “Fiddle Frenzy”.
Ein Paradies für Vogelbeobachter
Shetland ist ein Paradies für Vogelfreunde. Im Sommer sind die Moorlandschaften der Insel Yell voller brütender Vögel, man sieht gar seltene Arten wie den kleinen Raubvogel Merlin. Auf Unst ist das Hermaness National Nature Reserve für seine schönen Wanderwege mit Vogelbeobachtungs-Möglichkeiten bekannt. Oder man nehme eine Fähre nach Out Skerries, die ein wichtiges Zwischenziel vieler Vogelarten auf Wanderschaft ist. Aber auch auf Mainland lassen sich Vögel beobachten: Zum Beispiel auf dem Sumburgh Head im Süden, wo Meeresvögel in den steilen Klippen nesten, darunter der ulkige, clowneske Puffin.
Dratsies, Selkies und Ponies
Auch für nicht ganz so Vogelinteressierte bietet Shetland einiges an Tierwelt: dratsies (Otter) und selkies (Seehunde) spielen vor der Küste, je nach Jahreszeit können Wale weiter draussen im Meer beobachtet werden. Das bekannteste Tier der Shetland-Inseln ist aber das Pony. Das kleine, stämmige Pferdchen wurde früher als Arbeitstier auf dem Feld und im Bergbau eingesetzt. Heute werden die Tiere nach wie vor gezüchtet, und die Herden weiden zumeist frei auf den hügeligen Inseln. Sie nähern sich den Besuchern oft ohne Scheu, am meisten trifft man auf Unst an.
Adrenalin pur
Wer es gerne etwas abenteuerlicher als beim Wandern und Vogelbeobachten mag, der wird auf Shetland ebenfalls fündig: Das Meer zwischen den Inseln eignet sich vielerorts zum Kanu fahren und Segeln. Wem das kalte Wasser keine Angst macht, der findet tolle Surfspots, zum Beispiel in der Nähe des Sunburgh Head. Die Inseln sind zudem eine Kletterdestination. Die schwarzen, imposanten Klippen von Eshaness bieten einige spektakuläre Kletterrouten, wobei die tosenden Wellen des Nordatlantiks einem immer dicht auf den Fersen sind.
Strickfest und Folklore
Noch zahlreicher als die Ponies sind auf Shetland die Schafe. Wolle ist Nationalgut und Strickware das beliebteste Souvenir. Die verspieltenStrickmuster varieren von Insel zu Insel. Es geht aber nicht nur um modische Statements: Ein Pullover aus dicker Shetland-Wolle hält einen im wechselhaften nordischen Wetter warm. Die shetländische Strick-Manie kulminiert in der jährlichen “Shetland Wool Week” Ende September.
Die Schönste von allen
Wem die Shetland Inseln noch nicht abgelegen genug gewesen sind, dem sei ein Ausflug auf die Fair Isle, die “schöne Insel”, empfohlen. Die Fair Isle ein einsamer, turmartiger Felsen inmitten des tosenden Ozeans, etwa auf halbem Weg zwischen den Orkney und den Shetland Inseln gelegen. Siebzig Einwohner zählt die Insel nur, das übrige Land gehört den Schafen und Vögeln. Einsamkeit, Naturgewalt und ein warmes schottisches Willkommen sind den abenteuerlustigen Besuchern hier sicher.
Erschienen im September 2019 auf tagesanzeiger.ch
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