Brennende Schlagzeuger, kochende Pianisten – Zum Jubiläum des Kulturzentrum Gaswerk

Ein Bericht über das Jubiläumskochbuch des Winterthurer Kulturzentrums Gaswerk für den Landboten.

Mit «No Junkfood No Pizza No Mystery Meat»veröffentlicht das Kulturzentrum Gaswerk ein Jubiläumsbuch der besonderen Art und gewährt einen Blick in den Backstage-Bereich: geheime Rezepte und wilde Geschichten inklusive.

«Kein Junkfood, keine Pizza, kein Mystery Meat» – so oder ähnlich lauten die Anweisungen zum Thema Verpflegung, die tourende Bands einem Club geben. Im Gaswerk müssten sie sich aber eigentlich keine Sorgen machen, denn das Winterthurer Kulturzentrum ist in der Musikerszene für seine Gastfreundschaft und besonders für die gute Küche bekannt. Nichts lag also näher, als zum 20-Jahre-Club-Jubiläum ein Kochbuch herauszugeben, das genau diese Qualität des Kulturzentrums thematisiert.Das Kochbuch ist gleichzeitig auch Fotoalbum und Chronik. Es nimmt den Leser auf 188 Seiten mit in den Bereich des Kulturzentrums, den das Publikum während eines Anlasses üblicherweise nicht zu sehen bekommt. Es ist ein Backstage-Pass, der einem einen Einblick in die Truderbar gibt, den Ort, wo die insgesamt rund 200 freiwilligen Helfer und Musiker zusammen vor dem Anlass essen. Und nach dem Auftritt nicht selten noch weiterfeiern, während im Saal schon längst das Licht aus ist.

Das Cordon bleu als Spezialfall

Das Buch ist eine Hommage an zwanzig Jahre Clubgeschichte mit vielen Fotos, Anekdoten und den beliebtesten Rezepten der freiwilligen Gaswerkköche. Jedes der fünfzehn Kapitel enthält Gerichte, die genau so für Helfer und Bands gekocht wurden.

Da gibt es die «Marry Me Meatballs» von Helferin Nicole Härri, die den Schlagzeuger der Band Red Fang zu einem spontanen Heiratsantrag bewogen hatten. Oder den zweifarbigen Oreo-Kuchen von Haustechniker Marcel Kerker. Was die Qualität einer kalten Zvieri-Platte ausmacht, verrät Hasu Langhard, Sänger der Winterthurer Rockabilly-Band The Peacocks. Und manchmal gibt es auch Haute cuisine: Wenn Helfer und Pianist Christian Erny Coq au Vin Blanc kocht zum Beispiel.

Aber der französischen Küche zum Trotz gilt offenbar auch im Gaswerk: Alle Musiker sind gleich. Nur manche sind etwas gleicher. Denn: Cordon bleu gibt es im Gaswerk nur, wenn der Anlass ganz besonders speziell ist oder die Bands klein sind. Die Plattentaufe der Gaswerk-Freunde Gloria Volt wäre ein Beispiel für ersteres. Ein Konzert der Ein-Mann-Band Reverend Beat Man eines für zweiteres. Wobei der Reverend zugleich ein guter Freund des Hauses ist. Ein klassischer Cordon-bleu-Fall also. Dem Cordon bleu als Königsklasse der Bandverpflegung ist denn auch ein eigenes Kapitel im Jubiläumsbuch gewidmet – selbstverständlich mit einer vegetarischen Variante.

Die wichtigsten Konzerte von 1996 bis 2016

Die Rezepte sind aber nur ein Teil des Jubiläum-Kochbuches. Die rund um die Rezepte gepackten Anekdoten und Geschichten sind ebenso delikat. Wunderbar kurzweilig ist zum Beispiel die Chronik, die häppchenweise die wichtigsten (Konzert-)stationen des Hauses von 1996 bis 2016 nacherzählt und dabei an allerlei Kurioses erinnert. Zum Beispiel daran, wie die schwedischen Hipster-Überstars Friska Viljor 2007 ihr erstes Schweizer Konzert im Gaswerk spielten – ausdauernd, improvisiert, jazzig, vor wenig Publikum. Jahre später im Salzhaus und an den Musikfestwochen spielten sie Pop. Dafür hatte es dann auch Leute.

Oder jene Episode 2010, als Matthias Kräutli von den Lokalmatadoren My Name is George wegen eines zu nahe beim Instrument platzierten Scheinwerfers Feuer fing und ein selbstloser Fan die Flammen kurzerhand mit seinem Bier löschte. Oder wie 2006 beim Hukedicht-Abschiedskonzert an einem Abend sage und schreibe 87 Fässer Bier getrunken wurden, ein Haus-Rekord, der bis heute ungeschlagen ist.

Oder auch, wie 2013 der Bassist von Annihilator wegen Krankheit den Nachmittag kotzend im Backstage-WC verbracht hatte, und wie die Helfercrew für das Konzert sicherheitshalber einen Kübel hinter dem Equipment auf der Bühne versteckte. Der zum Glück nicht zum Einsatz kam. Solche Geschichten.

Das liebevoll gestaltete Buch lebt von diesen Erinnerungen, und man merkt es den Bildern, den Rezepten, den Geschichten an: Hier wird seit zwanzig Jahren mit sehr viel Herzblut Kultur veranstaltet, vorwiegend ehrenamtlich, denn selbst heute gibt es im Gaswerk erst 90 bezahlte Stellenprozent. «Wir mögen solche Orte wie das Gaswerk sehr», sagt im Buch das Mitglied einer italienischen Rockband, die im Frühling zum ersten Mal im Gaswerk auftrat. «Man spürt, dass hier alle mögen, was sie tun.»

Erschienen am 10.12.2016 im Landboten.


Posted

in

by

Tags:

Comments

Hinterlasse einen Kommentar