Das Bewusstsein für Bildung wecken – Über Chancengerechtigkeit in der Bildung

Porträt über Familie Berisic und die Ausbildung der Kinder für den Tagesanzeiger.

Kinder aus finanziell schwachen Familien haben Studien zufolge schlechtere Bildungschancen. Marija Berisic setzt sich mit viel Engagement dafür ein, dass dies bei ihren Kindern nicht so ist. Jetzt wagen sich ihre Zwillinge an die Gymiprüfung.

Das Abendessen ist der Fixpunkt im Leben der Familie Berisic aus Zürich. Marija Berisic arbeitet 60 Prozent in einem Kinderhort, ihr Ehemann Vollzeit als Gruppenleiter beim Flughafen Zürich. Die beiden Einkommen sind nötig, um die sechsköpfige Familie durchzubringen. „Ich möchte mich überhaupt nicht beklagen“, betont Marija Berisic. „Schade finde ich aber, dass ich nicht mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen kann.“ Umso wichtiger sind die gemeinsamen Abende. „Wir essen und besprechen den Tag. Wir reden über Hobbys, Persönliches und natürlich auch über die Schule.“

Die Bildung hat für Marija Berisic einen hohen Stellenwert. Sie selber hat ihre Ausbildung zur Chemielaborantin in Kroatien abgebrochen, als sie jung schwanger wurde und zu ihrem Mann in die Schweiz zog. Umso wichtiger ist es ihr, dass ihre Kinder eine gute Ausbildung bekommen, und sie bemüht sich aktiv darum, das Schweizer Bildungssystem zu verstehen und herauszufinden, was für ihre Kinder das Richtige ist. „Mir war zum Beispiel nicht bewusst, dass auch von der Lehre ein Weg an die Universität führen kann.“ Die ältesten Kinder, die 15-jährigen Zwillinge Viktorija und Franciska, haben je eine KV-Lehrstelle gefunden und bereiten sich zudem auf die Gymi- und BMS-Prüfungen vor. Nicht weil es zwingen das Gymnasium sein muss. „Ich gehe einfach sehr gerne in die Schule“, sagt Franciska, und Viktorija nickt zustimmend. Auch ihre Mutter sieht das so: “ Sie sind fleissig und neugierig. Das Gymnasium wäre das Richtige für die beiden.“

Leistungen verbessern

Berisics Engagement für die Ausbildung ihrer Kinder ist nicht selbstverständlich: Laut einer Studie des Nationalfonds sind die Bildungschancen von Kindern aus finanzschwachen Verhältnissen und mit Migrationshintergrund stark eingeschränkt. Nicht weil diese Kinder wegen Vorurteilen schlechter bewertet würden, sondern weil sich das oft bildungsferne Umfeld auf ihre schulischen Leistungen auswirkt. Verschiedene kantonale und private Projekte versuchen dem entgegenzuwirken. So auch das Förderprogramm ChagALL des Gymnasiums Unterstrass Zürich, das seit 2008 solchen Kindern einen Intensivkurs zur Gymi-Vorbereitung anbietet.

Seit diesem Sommer besuchen auch Viktorija und Franciska ChagALL. Wie alle Teilnehmenden mussten sie dazu ein dreiteiliges Aufnahmeverfahren durchlaufen. Und das Programm ist streng: Während eines halben Jahres besuchen die Teilnehmer am Mittwochnachmittag und am Samstagmorgen Kurse, in denen sie gezielt den Schulstoff repetieren und Lerntechniken einüben. Diesen Sommer hat ein privater Verein aus dem Umfeld der Kantonsschule Wiedikon mit „Chance Wiedikon“ ein ähnliches Programm gestartet; es sind die bisher einzigen im Kanton Zürich.

Spürbare Fortschritte

„Klar gäbe es auch Schweizer Familien, die ein solches Angebot nötig hätten“, sagt Stefan Marcec, Programmleiter von ChagALL. „Wir haben in unserem Projekt bewusst dort angefangen, wo gleich zwei bildungshemmende Faktoren zusammenkommen: Der Migrationshintergrund und die finanziellen Verhältnisse.“ Viktorija und Franciska sind von dem Programm begeistert. „Ich merke richtig, wie ich Fortschritte mache,“ sagt Viktorija und ergänzt: „Und ich habe inzwischen viel weniger Angst vor Prüfungen.“

Marija Berisic ist stolz auf ihre beiden Ältesten und was diese schulisch bislang erreicht haben. „So wie ich das sehe, hängt schulischer Erfolg nicht nur mit Intellekt zusammen. Und auch nicht nur mit den finanziellen Mitteln oder dem Bildungsgrad der Eltern. Vielmehr ist es wichtig, dass die Eltern ein Bewusstsein für den Wert der Bildung haben“, sagt sie: „Ich versuche, dieses Bewusstsein auch in meinen Kindern zu wecken und ihnen zu zeigen, dass es sich lohnt, in die Schule zu investieren.“

Auch für sich selber hat Marija Berisic Ziele. „Im Moment verbringe ich die Zeit, in der ich nicht arbeite, mit meinen Kindern. Aber wenn diese erwachsen sind, möchte ich mich selber noch weiterbilden. In welchem Bereich weiss ich noch nicht. Es gibt ja so viele Möglichkeiten.“

Dieser Artikel erschien am 30. Januar 2017 in der Sonderbeilage „Bildung“ des Tages-Anzeigers.


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