Heimatgefühl als Illusion – Porträt über die Band Frank Powers

Ein Bandporträt über Frank Powers für das Strassenmagazin „Surprise“

Die Band Frank Powers hat mit dem Album «Juheminee» Songs geschaffen, die Heimatgefühle in einer globalisierten Welt thematisieren. Sänger Dino Brandão über Strassenmusik und Privilegien.

Heimat sei ein Knopf im Taschentuch, ein Strauss Vergissmeinnicht auf dem Nachttisch, eine vage Erinnerung daran, weshalb man zu dem geworden ist, was man zu sein glaubt, erzählt Dino Brandão. Er ist Sänger der Bruggemer Band Frank Powers, Teilzeit-Strassenmusiker, Lieder- schreiber und gerade daran, sich mit seinem neuen Album «Juheminee» durch die Schweizer Clubs und Festivalland- schaft zu spielen. Wir treffen den 27-Jährigen in der Rio- Bar in Zürich, es ist Montagmorgen, die Sonne scheint, Brandão trinkt schwarzen Kaffee und raucht eine selbst- gedrehte Zigarette, aus der braunen Cordjackentasche blitzt ein gelbes Reclambüchlein hervor: Sophokles’ «Elektra». Ein Drama über den Kreislauf von Rache, Leid, Schuld.

«Die griechische Mythologie ist mir irgendwie nahe», sagt Brandão und lacht: «Wohl ein Erbe meiner 90er- Jahre-Kindheit: Ich habe mir als Kind im Fernsehen viel zu oft die Serie ‹Herkules› angeschaut.» Ernst fügt er aber hinzu: «Die griechische Mythologie behandelt die grossen Themen der Menschheit. Es erstaunt mich immer wieder, wie zeitlos und immer noch aktuell die Konflikte in diesen Geschichten sind.»
Brandão spricht so, wie er singt: überlegt, ruhig, mit einem feinen Witz. Im Oktober 2018 hat er mit seiner Band das Album «Juheminee» veröffentlicht. Seither touren sie
durch die Schweiz, um ihre mal kritischen, mal witzigen Songs bekannt zu machen. Der Untertitel der Tour heisst «Eine Art Heimatsongs». Wieso nur «eine Art»? «Ich besitze nebst dem Schweizer Pass noch ein abgelaufenes angolanisches Pendant dazu», erzählt Brandão. «So hege ich zwangsläufig eine ambivalente Beziehung zu Heimat und Herkunft. Obschon dieses Heimatgefühl wohl einigen Menschen Ruhe und Zugehörigkeit verschafft, sehe ich es eher als eine wirre, mittlerweile schwierig konnotierte Illusion.» Er überlegt weiter: «Es macht auf das persönliche Leben einen riesigen Unterschied aus, welchen Gefilden man entschlüpft ist, aber niemand hatte ja letzt- endlich die Wahl.»
Brandão beobachtet die Welt genau, findet in ihr Dinge, die ihm gut gefallen, ebenso wie solche, die ihn nachdenklich stimmen. «Wir hören einander oft nicht richtig zu, lassen uns nicht ausreden. Das Leben sollte nicht zu einer konstanten ‹Arena›-Sendung werden.» Er hat den Eindruck, dass die Menschen durch diverse äussere Einflüsse immer skeptischer und ängstlicher werden. «Die Globalisierung hat die Probleme meiner Generation zu einem komplex gewobenen Teppich von Geldflüssen, Abhängig- keiten und Co-Abhängigkeiten, aber ebenso von schönen, neuen Möglichkeiten verstrickt. Diese neuartigen Freiheiten, wie die Möglichkeit zu reisen, die digitale Vernetzung, der weltweite Konsum, sind teils wunderbar, aber ebenso eine schwere Bürde und Überforderung eines jeden Einzelnen.» Gerade in der Schweiz vermisst Brandão den Mut, neue Wege zu gehen, zu experimentieren. «Wir sind eines der privilegiertesten Länder. Ein Experiment wie das bedingungslose Grundeinkommen könnten wir gut wagen – wir können uns sogar erlauben zu scheitern.»

Brandão löst eine Ratsdebatte aus
Die Möglichkeit des Scheiterns ist in Brandãos Leben eine durchaus präsente Konstante: Seit seiner Lehre im SBB-Reisebüro setzt er ganz auf die Musik. Er kann davon leben, bescheiden zwar. Aber: «Als Opfer sehe ich dies überhaupt nicht an. Es ist eine Entscheidung, deren Vor- und Nachteile mir natürlich bewusst sind.» Er ist viel unterwegs, früher auf Hochzeiten und Geburtstagsfesten, in den vergangenen Jahren spielte er mehrere hundert Konzerte unter anderem am Montreux Jazz Festival. Als Background-Sänger und Gitarrist spielt Brandao ab diesem Sommer in der Band von Sophie Hunger – kehrt jedoch immer wieder auch zu seinen Wurzeln als Strassenmusiker zurück. «Das habe ich damals einfach mal angefangen, um Geld für das erste Album zu sammeln», erzählt er. In Baden hat er dank seiner Lehre das ganze Bahnhofspersonal gekannt, wurde als Musiker von dem meisten geduldet, auch wenn er immer wieder vom Security-Personal weggejagt wurde. «Ich habe auch die eine oder andere Busse erhalten.» Was als Methode begann, um an etwas Geld zu kommen, endete mit einer Art politischen Performance und einem viel diskutierten Politikum in der Kleinstadt. «Es gibt ja an den Bahnhöfen immer Jugendliche, die Musik ab Lautsprecher spielen. Dafür gibt es keine Busse. Also habe ich bei meinem letzten Auftritt meine eigene Musik via Lautsprecher abgespielt und ein Schild dazugestellt, auf welchem ich erklärte, dass ich hier leider nicht mehr live spielen dürfe» Das habe zu einer Debatte im Rat geführt, worauf man einen speziellen Platz für Strassenkünstler geschaffen habe. Auch heute noch spielt Brandao, der mittlerweile in Zürich lebt, gerne hin und wieder auf der Strasse: «Mir gefällt das Unmittelbare daran, diese feine Interruption des Alltags der Passanten. Und ihre Reaktionen, die von bösen Beschimpfungen bis zu herzlichen Komplimenten alles sein können.»

Die Lieder sind ruhig, wirken leicht und gar verträumt. «Ich möchte einen Spiegel kreieren – wenn das jemanden anregt, seine Haltungen und seine Taten zu reflektieren, dann ist das natürlich schön. Ich möchte aber nicht missionieren», sagt Brandao.Man muss bei den Songs genau hinhören, um die kritischen Zwischentöne herauszufiltern. Wieso er nicht mal laut rausschreit? Brandao lacht: «Das ist einfach nicht so meine Art. Und ich glaube auch, dass es eine viel grössere Herausforderung ist, auf Unschönes ruhig und bedacht zu reagieren.» Und, schiebt er nach, er sehe ja auch viel Schönes, das in seinen Songs Platz findet: «Das Schönste finde ich, Menschen zuzusehen, wie sie älter werden, denn Altern ist ein Privileg. Ich schätze es manchmal einfach stehen zu bleiben und zu schauen, was um einen herum passiert. Rollbrettfahren, zu Techno tanzen, Holz verbrennen im jurassischen Stück Wald meiner Freunde und Mitmusiker oder zwischendurch eins über den Durst zu trinken, erfreut mich meistens mindestens temporär ebenfalls.»

Veröffentlicht am 17.05.2019 im Strassenmagazin Surprise.


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