Metalgruss zur Kriegerpose – Metal Yoga in Winterthur

Ein Schlagzeug gibt treibend den Ton an, die Gitarre setzt ein, das Riff ist bekannt. Bei der Gruppe Menschen auf den Yogamatten sieht man grinsende Gesichter und mitwippende Köpfe. Das Intro geht in den Song über und Tanja Polli ruft mit einem Lachen: «Und los gehts – zum wohl besten Sonnengruss-Song der Welt.» Die Rockband AC/DC schmettert «Highway to Hell» in die Halle und die gut dreissig Menschen auf ihren Yogamatten folgen Pollis Bewegungen im Takt der Musik. Vorwärtsbeuge, Brett, Kobra, herabschauender Hund, Sprung nach vorne, Vorwärtsbeuge, langsam aufrollen. Und das Ganze nochmals von vorne.

Seit einem Jahr mischt die Winterthurerin die hiesige Yogaszene auf, indem sie ihre zwei Passionen Yoga und gute Rockmusik zu Metal Yoga verbindet. Die Idee dazu kam ihr an einem Doom-Metal-Konzert im Winterthurer Musikclub Gaswerk. Langsame, schwere Klänge ertönten dort, die Fans schüttelten ihre langen Haare bedächtig im Einklang mit der betörenden Musik, der Anblick hatte etwas Meditatives. Polli wusste: «Das sind meine Yoginis und Yogis.»

Nicht nur für Metalheads gibt es in Winterthur jetzt Yogalektionen, auch sonst boomt das Angebot. Es gibt in jedem Stadtteil mehrere Studios und Lektionen zu jeder Tageszeit, die frühsten als Early-Bird-Yoga um 6.30 Uhr. Das Angebot reicht von klassischen Vinyasa/Hatha-Yoga-Lektionen über Yin-Yoga hin zu Kundalini und Ashtanga-Yoga. Zudem gibt es Yoga für Schwangere, Rückbildungsyoga für neue Mütter, Yoga für Senioren, Yoga für Männer, Yoga im Museum, Yoga draussen. So dass grundsätzlich jeder einen Zugang zum Yoga finden kann. Wie eben über die Liebe zu Metallica und AC/DC, die die Menschen in die Yogalektionen von Polli führt.

Hemmungen abbauen

Polli, die als Journalistin und Texterin selbstständig in Winterthur arbeitet, ist vor zwanzig Jahren zum Yoga gekommen. Seit vier Jahren unterrichtet sie, hauptsächlich im Studio Yoga Tössfeld. «Die Hauptsache ist meiner Meinung nach, dass sich jemand überhaupt auf die Matte bewegt. Es braucht keine Vorkenntnisse, kein besonders ausgeprägtes Körpergefühl oder grosse Beweglichkeit, um anzufangen.»

Die Übungen haben verschiedene Schwierigkeitsstufen, so können in Pollis Yogalektionen Anfänger mit Fortgeschrittenen trainieren. Trotzdem trauten sich viele nicht ins Yoga, hätten Angst, dass sie dafür nicht geeignet seien, oder hegten Vorurteile, dass dies nur etwas für räucherstäbchenaffine Hippies sei. «Heavy Metal senkt die Hemmschwelle», weiss Polli. «Viele sind wegen ihres Musikgeschmackes ins Metal Yoga und damit zum ersten Mal überhaupt in eine Yogastunde gekommen.»

Andrea, blondierte Haare und schwarzes Bandshirt, ist Metal-Yoga-Schülerin der ersten Stunde und bestätigt Pollis Beobachtung: «Ich bin total unbeweglich und hätte in einer normalen Yogaklasse Hemmungen. Aber bei Tanja fühle ich mich wohl, und es macht Spass.» So scheint es hier allen zu gehen. Die Musik verbindet, man hat auch nach der Stunde einen gemeinsamen Nenner, spricht über die Songs, über Yoga, über das Leben. Und statt Kräutertee trinken im Metal Yoga am Schluss alle zusammen ein Bier, gesponsert von der Kleinbrauerei 8406, die direkt neben dem Studio in der Bühnerei zu Hause ist. Brauerin Susanne Hasler ist selbstverständlich auch regelmässig beim Metal Yoga dabei.

In den Flow kommen

Trotz harter Riffs hat Heavy Metal etwas Ruhiges, Eingängiges. Wenn man sich bei den Übungen auf die Musik einlässt, werden die Bewegungen fliessender, die Atmung weniger erzwungen, der Kopf freier, man kommt schneller in den Flow – es ist ähnlich, wie wenn man ein Mantra singt oder Meditationsmusik laufen lässt.

Wenn man dann in der Kriegerposition die Hände zum Metalgruss erhebt und im Takt mitwippt, stärkt man nicht nur Beinund Armmuskeln, es macht auch einfach Spass. Und die Glückshormone, die dann ausgeschüttet werden, machen die Anstrengung gleich nochmals erträglicher.

Veröffentlicht am 25.08.2018 im Landbote.


Posted

in

by

Tags:

Comments

Hinterlasse einen Kommentar