Eine Reisereportage aus der Südwesttürkei für die Zürcher Regionalzeitungen.
Abseits von überfüllten Badestränden trifft man im südwesttürkischen Hinterland auf fast unberührte Natur, auf versteckte Restaurants und weite Erdbeerfelder – und seit einem Jahr auf rund 720 Kilometer Fahrradwege.
«Man muss wohl ein bisschen verrückt sein, wenn man hier Velo fährt», sagt Firat Okutucu lachend, schwingt sich auf sein Mountainbike und fährt los – quer durch die dicht befahrenen Strassen von Marmaris, vorbei an den flanierenden Badetouristen, vorbei an den Hotelburgen mit ihren All-inclusive-Buffets, vorbei an hupenden Autos und Rollern, ins südtürkische Hinterland.
«Die meisten Türken finden es ein bisschen komisch, das Velo zu nehmen, wenn man doch geradeso gut das Auto nehmen kann», erklärt Okutucu die irritierten Blicke der Einheimischen. Der 40-Jährige war einer der Ersten, die den Bikesport in die Türkei brachten. Was in der Schweiz inzwischen zum alltäglichen Stadtbild gehört, ist in der Türkei immer noch erst in den Kinderschuhen: «Biken ist etwas, was nur ein paar verrückte Sportler tun.»
Doch nun hat das türkische Tourismusdepartement eine Offensive geplant, um jene «verrückten Sportler» als Touristen in ihr Land, genauer nach Marmaris, zu holen.
Marmaris, ein Städtchen an der südwesttürkischen Mittelmeerküste, ist bei Touristen beliebt Bislang sind es aber vorwiegend die Freunde der Badeferien, die hier unter blauem Himmel am Strand und abends in einer der zahlreichen Bars an der Uferpromenade im Hafen verweilen. Aktivferien macht man anderswo.
Das soll sich ändern, angefangen bei den Bikern. Rund 720 Kilometer Fahrrad- und Mountainbikerouten wurden im letzten Jahr im hügeligen Hinterland von Marmarisausgeschildert. Insgesamt 20 Strecken mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden wurden zusammengestellt, die sich individuell kombinieren lassen.Und diese zu erkunden, lohnt sich.
Immer lockt das Meer
Auf schmalen Teersträsschen, gekiesten Wegen fährt man durch fast unberührte Wald- und Wiesenlandschaften. Hin und wieder durchquert man eine kleine Siedlung, sieht Erdbeerfelder und unzählige Bienenstöcke, die den berühmten türkischen Pinienhonig produzieren. Auf der einen oder anderen holprigen Piste kommen auch versierte Biker auf ihre Kosten. Und auch die schweisstreibenden steilen Aufstiege lohnen sich: Immer wieder wird man mit grandioser Aussicht über die Buchten um Marmaris belohnt.
Wenn man denn – nach rasanter Abfahrt – wieder unten angekommen ist, lockt das türkisblaue Meer zum erfrischenden Bad (siehe Artikel unten). Stärken kann man sich in diversen kleinen Beizen mit leckeren, typisch türkischen Mezze, wie Auberginenmus, Fetakäse, Fladenbrot und Börek – zum Beispiel in Ali’s Bar, die auf dem offenen Feuer zubereitete Köstlichkeiten anbietet, mitten im Wald an einer Meeresbucht, die eher an einen Flusslauf erinnert.
Wer es geruhsamer mag, kommt entlang der Buchten um Marmaris auf seine Kosten: Es gibt inzwischen viele Fahrradwege, auf welchen es gemütlich vorwiegend geradeaus geht. Und auch die Kulisse stimmt: Wunderbar kann man so die prächtigen Jachten und kleinen Fischerboote auf dem Meer beobachten.
Sonnenbaden an Kleopatras Privatstrand
Die Römer haben viele Spuren in der Türkei hinterlassen. Ein ungewöhnlicher Blick in die Vergangenheit bietet die Kleopatra-Insel bei Marmaris.
Es war ein Anblick zum Schwärmen – und trotzdem machte die Reisegruppe erst mal lange Gesichter. Vor ihr lag ein glitzerndweisser Sandstrand – mit einem Zaun rundherum. Ins Wasser gelangte man via einen Holzsteg. Den Sandstrand durfte man nicht betreten, ein eigens dafür errichteter Wachturm verlieh dem Verbot Nachdruck.
Dieses Kuriosum, das man auf der türkischen Kleopatra-Insel findet, hat seine Bewandtnis in folgender Geschichte: Der Sand, so heisst es, sei vom römischen Kommandanten Marc Antionus für seine Gattin Cleopatra eigens aus deren Heimat Ägypten auf diese kleine Insel in der Ägäis geschifft worden.
Diese Geschichte machte den Sand zum begehrten Souvenir zahlreicher Touristen. So vieler, dass der Sandstrand zu verschwinden drohte. Deshalb wurde er kurzerhand eingezäunt.
Ein Besuch auf der Kleopatra-Insel, vom Festland nur eine halbstündige Bootsfahrt entfernt, lohnt sich aber nichtsdestotrotz. Auf der Insel lassen sich Spuren der römischen Herrschaft erkunden, ein Amphitheater steht noch als Ruine. Wilde Schildkröten spazieren durchs Gras. Hinter dem kleopatraischen Sandstrand liegt ein Badeplatz mit einem Bistro: Und von dort aus fühlte man sich beim Blick auf die Bucht und das türkisfarbene Meer tatsächlich recht königlich.
Service:
Touren: Rund um Marmaris sind 720 km Velorouten angelegt. Sie sind mit 800 Wegweisern gut gekennzeichnet. Ein Routenführer ist in Buchform erhältlich und unter http://www.marmariscyclingroutes.com abrufbar. Auch geführte Touren können gebucht werden.
Bikes: Mountainbikes und Fahrräder können vor Ort gemietet werden. Für erfahrene Mountainbiker lohnt es sich allenfalls, das eigene Bike mitzunehmen. Die Mieträder entsprechen je nach Anspruch eventuell nicht dem erwünschten Standard.
Unterkunft: In und um Marmaris gibt es Hotels und Appartements jeder Preisklasse – von Fünfsternhotelanlagen bis hin zu einfachen Hostels und Campingplätzen.
Anreise: Mit Turkish Airlines gelangt man von Zürich über Istanbul nach Dalaman. Ab dort verkehren Busse ins 90 Kilometer entfernte Marmaris.
Die Reise erfolgte auf Einladung von Türkei Tourismus.
Erschienen am 12.01.2016 in den Zürcher Regionalzeitungen.
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