Welten entdecken, auf eigene Faust – Ein Essay über Solo-Reisen

Ein Erfahrungsbericht über das Alleinreisen für die Beilage „Reisen“ im Tages-Anzeiger.

Allein reisen bietet Freiheit, Abenteuer, Zeit für sich selbst – birgt aber auch Einsamkeit und Sicherheitsbedenken. Ein Erfahrungsbericht.

Irgendwann ist da nur noch das Meer. Graue Wellen tosen gegen die steilen Klippen unter mir, hinter mir erstreckt sich eine endlose Moorlandschaft. Nieselregen schlägt mir ins Gesicht, Möwen fliegen mir um den Kopf. Ich bin nach drei Reisetagen mit Zug und Fähre durch Frankreich, England sowie Schottland und einer dreistündigen Wanderung durch ein unbewohntes Tal nun mutterseelenallein auf dieser Aussichtsplattform von Hoy, einer kleinen Insel im Norden Schottlands.

Das Gefühl des kompletten Alleinseins in dieser Wildnis ist erschreckend und gleichzeitig berauschend, und es ist eines, das ich nicht mehr missen möchte. Seit mehr als zehn Jahren reise ich regelmässig allein, von einer dreitägigen Museentour in London über einen zweiwöchigen Roadtrip um Island bis zur fünfmonatigen Weltreise durch Asien, Australien, Amerika.

Ich geniesse jedes Mal die Freiheit, die das Alleinreisen mit sich bringt, das bestärkende Gefühl der Unabhängigkeit, das ich erlebe, und die innere Ruhe, die das tagelange Zurückgeworfensein auf sich selbst mir bringt. Und ich bin damit nicht allein. Soloreisen liegt im Trend: Es gibt unzählige Reiseblogs, die sich genau diesem Thema widmen, und mittlerweile sogar Reiseführer extra für Alleinreisende. Trotzdem haben viele Hemmungen, allein loszufahren.

«Hast du nie Angst?», fragen meine Freunde und meine Familie immer wieder. Und: «Ist dir unterwegs nie langweilig?» Natürlich bin ich trotz Reiseerfahrung nicht gefeit vor Momenten der Langeweile, vor Einsamkeit und vor unangenehmen Situationen. Aber ich habe mir über die Jahre einige Grundregeln und Routinen angeeignet, sodass meine Reisen bislang ohne Zwischenfälle abliefen.

Reiseplan und Bauchgefühl

So verhalte ich mich, gerade als Frau, tatsächlich vorsichtiger, als wenn ich in einer Gruppe unterwegs bin. Ich plane mehr voraus, lasse einen Reiseplan bei meiner Familie und melde mich per SMS, sobald ich eine neue Destination erreicht habe. Ich kündige an, wenn ich einige Tage keinen Handyempfang haben werde, weil ich etwa in der Wildnis zelten gehe, und sage, wann ich mich spätestens zurückmelden werde. Ich nehme eher mal ein Taxi, als dass ich eine mir unbekannte Strecke zu Fuss gehe. Vor allem nachts. Ich mache nie Autostopp. Ich erzähle den Hotelbesitzern, welchen Tagesausflug ich für den Tag geplant habe, und plaudere im Dorf mit den Shopangestellten, den Postbeamten, den Parkrangern – sodass Menschen sich an mich erinnern können, sollte ich verloren gehen.

Ich teile meinen Aufenthaltsort nie im Internet: Mein Instagram-Account hinkt immer mindestens zwei Wochen hinter meinem tatsächlichen Aufenthaltsort her. Und zu guter Letzt: Ich vertraue auf mein Bauchgefühl. Wenn sich ein Ort seltsam anfühlt, gehe ich. Egal, ob ich das Zimmer schon bezahlt habe oder nicht. Egal, wenn ich das Zelt schon aufgestellt habe und es schon dunkel ist.

Nicht zu hart sein mit sich selbst

Sich sicher zu fühlen, ist die eine Herausforderung beim Soloreisen. Gegen Einsamkeit und Reisemüdigkeit anzukommen, eine andere. Dabei hilft es, nicht zu hart mit sich selbst zu sein. Wer noch nie allein gereist ist, kann mit etwas Kurzem, Bekanntem starten. Ein Tagesausflug in eine nahe Lieblingsstadt? Ein zweitägiger Roadtrip zu Freunden im benachbarten Ausland?

Wenn man sich an längere Reisen wagt, lohnt es, sich zwischendurch einen Ruhetag zu gönnen, einen ganzen Tag im Hotelzimmer Filme zu schauen oder in einem Roman zu versinken. Kleine Routinen und Rituale helfen, wenn man sich irgendwo im Nirgendwo wiederfindet, und das Gefühl hat, die Welt habe sich ohne einen weiterbewegt: einen Kaffee trinken, ein Lieblingslied hören, Yoga machen.

Genug zu essen und zu trinken zu haben, ist ebenfalls elementar für das mentale Wohlbefinden unterwegs, und leichter gesagt als getan. Nicht selten fühlte ich mich vom Reiseblues übermannt, wenn ich ganz einfach dehydriert war. Und gerade wenn man erschöpft nach einem langen Reisetag in einer unbekannten Stadt ankommt, ist es verlockend, eine Mahlzeit auszulassen und sich einfach im Hotel zu verkriechen. Es lohnt sich in solchen Fällen, bereits im Voraus ein nahes Restaurant auszusuchen oder immerhin ein paar Müsliriegel im Gepäck zu haben und hin und wieder einen Apfel.

Und apropos Gesundheit: Eine gute Reiseapotheke im Gepäck zu haben, ist hilfreich. Wenn man allein unterwegs ist, hat man niemanden, der für einen bei allfälligen Beschwerden die nächste Apotheke aufsuchen kann, und ist froh, wenn man erste Hilfe gleich zur Hand hat.

Treffpunkt Hostelküche

Kontakt zu anderen Reisenden kann die Reiselaune heben, wenn einem das Alleinsein zu viel wird. Immer wieder übernachte ich in Hostels, wo ich in der Gemeinschaftsküche kochen und plaudern kann. Manchmal ergibt sich so auch eine ungezwungene temporäre Reisegemeinschaft. Und gerne buche ich hin und wieder etwas Organisiertes.

So habe ich etwa in Nepal ein geführtes Trekking gemacht, im Yosemite-Nationalpark Rangervorträgen gelauscht, auf Bali Umweltorganisationen besucht und mich im Touristenshuttlebus in Australien der Great Ocean Road entlangfahren lassen. Ich muss mich dann nicht um Transport, Eintritte oder Infos kümmern, habe quasi einen freien Tag und kann gleichzeitig mein Bedürfnis nach sozialem Austausch stillen.

Bleibt noch die Langeweile, sei es während langer Busfahrten, sei es an Abenden im Hotel. Ich lese gern und viel und habe meistens zwei bis drei Bücher dabei, einen Reiseführer und eine oder zwei Zeitungen und Magazine. Die meisten anderen Soloreisenden, die ich treffe, haben E-Reader. Auch nutze ich freie Zeit für Weiterbildung: Es gibt von vielen Universitäten Onlinekurse in allen Fachbereichen, es gibt Sprachlern-Apps, es gibt Podcasts. Zudem gehe ich ins Kino, an Konzerte, ins Theater, ins Museum und widme mich auch sonst jeder Aktivität, die ich machen würde, wenn ich in einer Gruppe unterwegs wäre. Mit dem Unterschied, dass ich meine Zeit ganz uneingeschränkt selbst einteilen kann, in meinem eigenen Tempo reisen, erfahren, erleben darf.

Ich bin schon zwei Stunden durch die Wüste zu einem Nationalpark gefahren, nur um dort zwei Stunden zu wandern und dann zurückzufahren. Ich bin eineinhalb Stunden zu einem Hindu-Tempel spaziert, und habe dann doch nur fünf Minuten dort verbracht. Und ich bin drei Tage nordwärts gefahren, um auf einer windigen Klippe im Regen den Wellen zuschauen zu können. Und hier stehe ich nun; geniesse die Wucht der Natur und die Zeitlosigkeit dieses Augenblicks und das Versinken und Kleinwerden in dieser unendlichen, wilden, menschenleeren Landschaft.

Veröffentlicht am 28.09.2019 in der Beilage „Reisen“ des Tages-Anzeigers.


Posted

in

by

Tags:

Comments

Hinterlasse einen Kommentar