„Wir haben die Schüsse gehört. Und die blutige Hose gesehen.“ – Geschichte einer Geiselnahme

Ein Porträt über Ruedi Schär, der 1975 an Bord des entführten Kreuzfahrtschiffes Achille Lauro war, für den Winterthurer Landboten.

Als am 7. Oktober 1985 ein Luxusschiff von palästinensischen Terroristen entführt wird, ist Ruedi Schär als Passagier an Bord. Das Schlimmste sei die Ungewissheit gewesen, sagt der Winterthurer heute. 

Als Erstes erinnert sich Ruedi Schär an das Geschrei der bärtigen Männer, die mit Maschinengewehren den Speisesaal stürmten. Dann daran, dass er wegrannte. Dass er sich in seiner Kabine versteckte. Dass er gewartet hatte, sicher zwei Stunden, bis der Kapitän via Lautsprecher alle Passagiere aufforderte, in den Saal zu kommen. Das Schiff sei überfallen worden, sich zu verstecken, sei gefährlich.

Als am 7. Oktober 1985 vier ­palästinensische Terroristen das Luxuskreuzfahrtschiff Achille Lauro in ihre Gewalt bringen, sind dar­auf auch fünf Mitglieder des Winterthurer Kochklubs Eulach-Chuchi. Mit dabei ist Ruedi Schär. «An diesem Tag hatten wir in Alexandria angelegt», erinnert sich der heute 71-Jährige, der immer noch in Winterthur lebt. «Etwa die Hälfte unserer zwölfköpfigen Gruppe hatte einen Tagesausflug gemacht.» Von insgesamt 748 Passagieren gingen 651 an Land. Sie sollten am Abend in Port Said wieder einsteigen. Dazu kam es nicht.

Am Mittag jenes fünften Tages der zwölftägigen Kreuzfahrt brachten die Terroristen das Schiff unter ihre Kontrolle. Sie wollten damit die Freilassung von 51 in Israel inhaftierten palästinensischen Gefangenen erwirken. Sie drohten, die Geiseln, 97 Passagiere und die Crew, eine nach der anderen umzubringen oder gar das Schiff in die Luft zu sprengen. Der Drahtzieher der Entführung, der aber nicht an Bord war, war Abu Abbas, der damalige Anführer der Palästinensischen Befreiungsfront (PFL).

Verständigung kaum möglich 

«Wir verbrachten drei Tage in diesem Saal. Wir wussten nicht einmal, ob Tag oder Nacht war.»

Ruedi Schär

«Klar habe ich damals um den Konflikt zwischen Israel und Palästina gewusst. Das war aber etwas, das weit entfernt war», sagt Schär. Und: «Während der Geiselnahme hatten wir eigentlich keine Ahnung, worum es überhaupt ging.» Die Ungewissheit sei das Schlimmste gewesen. «Wir verbrachten drei Tage in diesem einen Saal. Wir wussten nicht, was die Terroristen wollten. Wir wussten nicht, was verhandelt wurde. Wir wussten nicht einmal, ob Tag oder Nacht war, weil alle Fenster verdunkelt worden sind.»

«Der Konflikt zwischen Israel und Palästina war etwas, das weit entfernt war.»

Ruedi Schär

Die Verständigung mit den Terroristen sei fast nicht möglich gewesen, erzählt Schär. «Sie sprachen nur arabisch. Nur ein Crewmitglied konnte ein wenig übersetzen.» Schär erinnert sich an die Stimmung im Saal: «Es war sehr ruhig. Manchmal habe ich kurz mit dem Mann, der neben mir lag, geflüstert.» Angst sei das überwiegende Gefühl gewesen. «Ich hatte Todesangst. Nicht so, wie man das manchmal sagt, wenn man etwa über eine hohe Brücke gehen muss. Ich war sicher, dass wir nicht mehr aus diesem Saal rauskommen würden.»

Draussen liefen derweil die Verhandlungen der Terroristen mit den USA, mit Italien, mit Deutschland, mit Grossbritannien. Italien und die USA erwogen gar eine militärische Befreiungsoperation.

Eine Geisel ermordet 

Auf dem Schiff waren die Passagiere den Launen der Terroristen ausgesetzt. «Manchmal haben sie gelacht und Äpfel und Bananen verteilt», sagt Schär. Sie hätten aber auch alle Pässe eingesammelt und die Passagiere in Gruppen eingeteilt: Jene aus den USA, aus Grossbritannien und Australien sollten zuerst umgebracht werden. «Ein Pärchen aus Österreich wurde in diese Gruppe eingeteilt – weil die Terroristen das Austria im Pass als Australien missdeutet haben.»

Bei einem Passagier blieb es nicht bei der Drohung: Der 69-jährige, gehbehinderte Amerikaner Leon Klingenhofer wurde erschossen. «Klingenhofer hatte sich von Anfang an gewehrt. Er hatte einem Terroristen in die Hand gebissen», erinnert sich Schär. «Zudem war er amerika­nischer Jude. Der Inbegriff des Feindes für die Terroristen.» Am zweiten Tag der Entführung wurde Klingenhofer aus dem Saal geführt. «Wir haben die Schüsse gehört – und anschliessend die blutige Hose des einen Terroristen gesehen.»

«Die Entführer winkten zum Abschied und wirkten fast fröhlich.»

Ruedi Schär

Das Ende der Entführung kam nach drei Tagen plötzlich und vergleichsweise unspektakulär. Ein ägyptisches Boot näherte sich der Achille Lauro, das die Terroristen widerstandslos betraten. Ägypten hatte ihnen freies Geleit versprochen, wenn sie die Geiseln am Leben liessen. «Die Entführer winkten zum Abschied und wirkten fast fröhlich», beschreibt Schär die Si­tua­tion. Was die Terroristen noch nicht wussten: Ihr von Ägypten organisiertes Flugzeug nach Algier wurde auf Befehl von US-Präsident Ronald Reagan von der US Navy abgefangen und zur Landung in Italien gezwungen, wo sie schliesslich festgenommen und inhaftiert wurden.

Auf der Achille Lauro ging die Odyssee derweil noch weiter: Aus Angst vor verstecktem Sprengstoff wollte kein Hafen das Schiff einlaufen lassen. «Soldaten durchsuchten das ganze Schiff von oben bis unten.» Immerhin durften die Passagiere in ihre Kabinen zurück. Und sich an der Schiffbar einen Drink gönnen. «Erst am Abend konnten wir in Port Said anlegen.»

Nur noch in die Karibik 

Mit Taxis wurden die Winterthurer zum Flughafen gefahren. «Dort durften wir endlich nach Hause telefonieren.» Wirklich realisiert, dass alles vorbei war, habe er aber erst, als er in Zürich landete. Und auch dann wirkte das Erlebte nach. «Ich stand wohl unter Schock. Am Anfang ist mir alles aus den Händen gefallen.» Und auch lange nach jenem Oktober sei er manchmal wieder aus dem Bus, dem Zug ausgestiegen, wenn ihn ein Mitpassagier an die Entführer erinnerte.

Mit seinen Mitreisenden von damals hat Schär keinen Kontakt mehr: «Leider.» Die Freude an den Kreuzfahrten ist ihm aber trotz der Entführung nicht vergangen. «Während vieler Jahre fuhr ich allerdings nur noch in die Karibik», sagt er und kann heute dar­über lachen. Vor zwei Jahren konnte er sich aber überwinden und begleitete seine jüngeren Kollegen vom Kochklub aufs Mittelmeer. «Es war wunderschön.»

Erschienen am 7.10.2015 im Landboten.


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