Pro Juventute Magazin // Jedes Kind hat das Recht, ohne Gewalt aufzuwachsen. Doch was bedeutet das für Betreuungspersonen? Wie schafft man in einer hektischen Welt ein harmonisches, respektvolles Miteinander? Und was, wenn die Nerven blank liegen?
Die gesetzliche Verankerung der gewaltfreien Erziehung ist nicht nur ein Meilenstein für die Kinderrechte, sondern ein wichtiger Schritt zum Schutz gewaltbetroffener Kinder sowie für die Präventionsarbeit.
Doch was bedeutet Gewalt in der Erziehung überhaupt? Es beginnt vielleicht in scheinbar harmlosen Alltagssituationen: Das Kind will beim Einkaufen nicht im Kinderwagen sitzen, will aber auch nicht selbst laufen und fängt an zu maulen. Ehe sich die Eltern versehen, wälzt es sich lautstark tobend am Boden, mitten in der Kassenschlange. „Eine typische Alltagssituation. Hier nicht Grenzen zu verletzen oder zu überreagieren, ist extrem schwierig“, weiss Karin Seitz. Sie ist bei Pro Juventute in der Ostschweiz für die Elternberatung frühe Kindheit und Familienberatung verantwortlich. Sie sagt: „Nur zu schnell brüllt man das Kind in so einem Moment an, droht mit Liebesentzug, packt es vielleicht heftig am Oberarm und versucht, die unangenehme Situation so schnell wie möglich zu beenden.“
Gewalt in der Erziehung kann verschiedene Formen annehmen. Zur körperlichen Gewalt gehören etwa Ohrfeigen und Prügelstrafen, Kneifen, Schütteln, an den Haaren reissen oder an den Ohren ziehen. Aber auch psychische Gewalt fügt Kindern enormen Schaden zu. Dazu gehört unter anderem Liebesentzug, Drohungen und Demütigung bi shin zu Vernachlässigung.
Das passiere nur in Ausnahmesituationen, mag man denken. Doch Studien zeigen: Gewalt in der Erziehung ist in der Schweiz immer noch weit verbreitet. Rund zwei von drei Jugendlichen haben eine Form von Gewalt in ihrer Erziehung erlebt – unabhängig von sozialem Status und Herkunft. In einer Erhebung gab rund ein Drittel der befragten Eltern an, schon einmal Erziehungsmassnahmen mit körperlicher Gewalt angewendet zu haben. Erziehungsmassnahmen mit psychischer Gewalt wurden ebenfalls von mehr als einem Drittel der Befragten angewendet. Nicht nur Studien zeigen, dass solche Grenzüberschreitungen in der Erziehung ein Problem sind, auch bei 147 – Beratung & Hilfe für Kinder und Jugendliche von Pro Juventute gehen immer mehr Anfragen wegen Gewalt in der Familie ein.
Überforderung fördert Gewalt
In den allermeisten Fällen passieren grenzüberschreitende Eskalationen heute nicht mehr vorsätzlich oder mit der Absicht, dem Kind Schaden zuzufügen. Sie geschehen vielmehr aus Überforderung und Hilflosigkeit der Bezugsperson. Doch die Botschaft, die beim Kind ankommt, ist trotzdem: Ich habe dich nicht mehr lieb, du bist nicht gut genug.
Seitz weiss: „Gewalterfahrungen in der Erziehung begleiten Kinder oft ein Leben lang.“ Sie können die Entwicklung des Kindes beeinträchtigen, Schuldgefühle, Bindungsprobleme oder ein geringes Selbstwertgefühl auslösen. Langfristig steigt das Risiko für Depressionen oder Angststörungen. Aber auch Eltern leiden unter der Gewaltanwendung. „Das Ohnmachtsgefühl, wenn man in der Erziehung nicht weiterweiss, und die Scham und Schuldgefühle, wenn es zu gewalttätigen Eskalationen gekommen ist, können Eltern stark belasten. Es kann dazu führen, dass sie sich immer weiter zurückziehen“, sagt Seitz.
Studien zeigen, dass Armut und ein tiefer Bildungsstand der Eltern einen Einfluss haben und Gewalt fördern können. Aber auch Kinder aus privilegierten Verhältnissen erleben Gewalt. Seitz sagt: „Wir wissen aus unseren Beratungen, dass Eltern heutzutage extrem unter Beobachtung stehen, sich ständig mit anderen vergleichen und sich beurteilt fühlen. Das erzeugt enormen Druck, immer perfekt zu handeln und dass sich die Kinder jederzeit angepasst verhalten.“ Wird das Kind laut oder tobt durch einen öffentlichen Raum, versuchen Eltern, das Verhalten oft möglichst rasch zu unterbinden, um den kritischen Blicken und Kommentaren zu entkommen. „Dabei greifen sie manchmal zu mehr physischer oder verbaler Härte als sie eigentlich möchten.“
Deshalb unterstützt Pro Juventute Eltern und Bezugspersonen dabei, auch in schwierigen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren, und zeigt ihnen alternative Reaktionsmöglichkeiten. Dabei geht es nicht um antiautoritäre Erziehung. Sondern darum, dass beim Erziehen der Kinder, egal nach welchen Grundsätzen, keine Überreaktion stattfindet. Regeln für das Zusammenleben und Grenzen sind bei einer gewaltfreien Erziehung wichtig. „Kinder brauchen Grenzen für ihre Entwicklung“, betont Seitz. Entscheidend seien aber nicht allein die gesetzten Grenzen, sondern die eigene Reaktion, wenn diese nicht eingehalten werden. „Die Grundhaltung sollte sein ‚Wie kommen wir gemeinsam aus dieser Situation wieder raus‘ und nicht ‚Du gehst jetzt in dein Zimmer, ich habe dich nicht mehr lieb‘.“
Wege aus der Gewalt
So können Sie schwierige Situationen besonnen entschärfen:
- Sich selber gut kennen. Wenn man weiss, auf welche Situationen man wie reagiert, kann man vorbeugen. Fragen Sie sich, ob Ihre Reaktion wirklich mit dem Kind zu tun hat oder eher mit eigenen Erfahrungen aus Ihrer Vergangenheit.
- Perfektionismus ablegen. Wichtig ist, dass Sie als Bezugsperson präsent sind, nicht perfekt.
- Entwicklungsstufen des eigenen Kindes kennen. Wenn Eltern wissen, was in ihrem Kind vorgeht und was es überhaupt schon einordnen oder verstehen kann, dann können Sie Situationen wie Einkaufen oder Bettzeit entsprechend gestalten, damit es nicht zu Trotz- und Krisenreaktionen kommt.
- Grundbedürfnisse stillen. Sind Hunger, Durst oder Müdigkeit im Spiel? Die Lösung eines Konflikts kann warten, bis alle satt und erholt sind. Auch die Umgebung kann einen Einfluss darauf haben, wie alle reagieren. Wenn es laut, unruhig oder stressig ist, ist es nicht der richtige Moment, um einen Streit zu schlichten. Gehen Sie zuerst an einen ruhigen, geschützten Ort.
- Erwartungen klären. Situationen, die zu Stress und Konflikten führen können, im Voraus entschärfen, indem man Erwartung und Konsequenzen vorab erklärt. Wenige, dafür klare Regeln helfen dem Kind, sich zu orientieren. Etwa: „Wenn du davonrennst, setze ich dich in den Kinderwagen.“ Diese Konsequenzen soll man dann auch umsetzen, ruhig und gelassen, ohne zusätzlich zu schimpfen.
- Zeit verschaffen. Verzweiflungsreaktionen sind automatisiert und laufen schnell ab. Wenn man aber etwa innerlich von zehn runterzählt, bevor man reagiert, kann man solche Automatismen unterbrechen und so reagieren, wie man eigentlich möchte. Wenn es die Situation zulässt, kann auch helfen, einen Schritt zurückzutreten oder den Raum zu verlassen, um seine Emotionen zu stabilisieren.
- Verbindung zum Kind halten. Gerät ein Kind ausser Kontrolle, hilft es nicht, noch mehr Abstand zu schaffen. Vielmehr braucht es die Gewissheit, dass es sich sicher fühlen darf – auch dann, wenn es starke Gefühle zeigt. Ebenso wichtig ist es, nach einem eigenen Fehlmoment die Beziehung bewusst wieder zu stärken.
Und wenn es doch zu einer Grenzüberschreitung gekommen ist? Karin Seitz sagt: „Grenzüberschreitungen können passieren – entscheidend ist, wie wir danach damit umgehen.“ Wichtig sei, Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen und dem Kind zu zeigen, dass die Beziehung auch nach Konflikten tragfähig bleibt. Kinder lernen daraus, dass Fehler passieren dürfen. Und dass Nähe nicht verloren geht, wenn es schwierig wird. „Wenn Eltern merken, dass sie selbst über ihre Grenzen gegangen sind, kann ein bewusstes Innehalten viel bewirken. Eine einfache, ehrliche Rückmeldung zeigt dem Kind: Erwachsene übernehmen Verantwortung für ihr Verhalten.“ Das kann zum Beispiel so klingen: „Stopp. Ich war gerade zu laut. Das tut mir leid. Lass uns kurz durchatmen und schauen, was du brauchst – und was ich brauche.“ Solche Reparaturmomente stärken die Beziehung und vermitteln dem Kind Sicherheit, auch nach schwierigen Situationen. Und Seitz betont: „Gewaltfreie Erziehung bedeutet nicht zuletzt auch, sich selbst gegenüber ehrlich und lernbereit zu bleiben.“
Hilfe und Unterstützung gegen die Ohnmacht
Wenn Gewalt passiert, ist sie häufig Ausdruck eines Alltags, in dem Stress und Überforderung über längere Zeit zugenommen haben. Tragende soziale Netzwerke – etwa Unterstützung durch Familie, Freundinnen und Freunde oder geteilte Kinderbetreuung – können entlasten und helfen, wieder Luft zu holen. Pro Juventute begleitet Eltern und Bezugspersonen mit niederschwelliger, professioneller Beratung. In der telefonischen und schriftlichen Beratung finden Eltern einen geschützten Raum, um belastende Situationen zu reflektieren, Unsicherheiten einzuordnen und konkrete Wege für den Umgang mit Stress und Konflikten zu entwickeln. Gerade dann, wenn der Alltag aus dem Gleichgewicht geraten ist. „Wir stärken Eltern darin, sich als Erziehungspersonen sicher zu fühlen, und unterstützen sie dabei, auch in schwierigen Momenten handlungsfähig zu bleiben“, sagt Seitz.
„Im Kontext von gewaltfreier Erziehung und Überforderung im Familienalltag ist die frühe Kindheit eine zentrale Phase, in der eine professionelle Beratung frühzeitig entlasten und Eskalationen vorbeugen kann. Auch wenn man bereits an seine Grenzen kommt und sich in einer Spirale von Schimpfen, Drohen und Ohnmachtsgefühlen befindet, darf man sich bei der Elternberatung melden. Diese Unterstützung hilft auch dabei, wieder handlungsfähig zu werden.“
Das neue Kinderschutzgesetz ist ebenfalls ein wichtiges Signal an Betreuungspersonen. Es ist ein Bekenntnis der Bevölkerung zu einem respektvollen Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Seitz sagt: „Indem gewaltfreie Erziehung in der Gesellschaft normalisiert wird, entlastet es Eltern vom Druck, ihre Kinder immer sofort im Griff haben zu müssen. Und sorgt dafür, dass immer mehr Kinder und Jugendliche geborgen und geschützt aufwachsen dürfen.“
Erschienen im Mai 2026 im Pro-Juventute-Magazin «Futura« 1/2026.
Hinterlasse einen Kommentar