Pro Juventute Magazin // Kinderarzt Oskar Jenni forscht am Universitätskinderspital Zürich zur kindlichen Entwicklung. Im Interview sagt er, was Kinder zum Aufwachsen brauchen.
Die Kindheit sei in einer Krise, sagten Sie letztes Jahr bei einem Vortrag. Wie kommen sie zu dieser Aussage?
Oskar Jenni: Kinder sind ein Seismograf der Gesellschaft. Von ihnen spüren wir früh, wenn etwas falsch läuft. Wir leben in einer Welt der Krisen, gepaart mit einer noch nie da gewesenen Informationsflut. Das führt zu Unsicherheiten und Ängsten. Dazu kommt eine Gesellschaft, die Individualismus und Leistung sehr hoch hält. Das beeinflusst die psychische Gesundheit aller: jene der Erwachsenen, aber auch jene der Kinder. Was sich in der Gesellschaft abspielt, akzentuiert sich am Leben von Kindern und Jugendlichen. Heute hat jedes dritte Kind in der westlichen Welt eine Verhaltensauffälligkeit, eine psychische Krankheit oder ist in seiner Entwicklung beeinträchtigt. Das ist viel und der Begriff Krise berechtigt. Was aber trotzdem nicht vergessen gehen darf: Zwei von drei Kindern geht es gut!
Inwiefern hat sich unser Blick auf die Kindheit in der Schweiz in den letzten Jahrzehnten verändert?
Der Fortschrittsglaube hat uns verlassen. Man geht nicht mehr automatisch davon aus, dass es den Kindern als Erwachsene gleich gut oder sogar besser gehen wird als uns. Deshalb wollen wir Kinder besonders fit für die Zukunft machen und entsprechend früh erfahren sie Leistungsdruck. Auch fokussieren wir heute stark auf die Freiheit jeder einzelnen Person, auch auf jene des Kindes. Es kann einen 4-Jährigen aber überfordern, wenn man ihm Entscheidungen zumutet, die in so junges Kind gar nicht fällen kann. Entscheidend ist, dass Kindern sich nicht nur als eigenständige und selbstwirksame Persönlichkeiten entwickeln dürfen, sondern auch erleben, dass sie Teil einer Gemeinschaft sind, die Orientierung gibt, Verantwortung trägt und Sicherheit vermittelt.
Was brauchen Kinder und Jugendliche heute, damit sie sich gesund entwickeln können?
Die Bedürfnisse der Kinder sind über die Jahrhunderte immer die gleichen geblieben, je nach Epoche wurde aber Unterschiedliches als wichtig erachtet. Die Essenz aus 200 Jahren Erziehungstheorie ist für mich: Kinder brauchen zugewandte und liebevolle Beziehungen in ihrem Umfeld, das aber auch Grenzen setzt und Orientierung gibt.
Welches sind aktuell die grössten Herausforderungen für Kinder in ihrem Aufwachsen?
Kinder haben immer weniger Raum, sinnbildlich und wortwörtlich. Ihr Alltag ist stark strukturiert und oft mit einem getakteten Programm gefüllt. Es gibt kaum mehr ungeplante Zeit, zum Beispiel zum Spielen. Sie bewegen sich auch immer weniger draussen im öffentlichen Raum, sondern drinnen. Dabei weiss man, dass das freie Spiel, Begegnungen mit anderen oder auch die Natur für die kognitive, sprachliche, motorische, emotionale und soziale Entwicklung sehr wichtig sind.
Wenn solche Freiräume fehlen: Suchen sich die Kinder andere?
Die starke Anziehung der digitalen Medien ist genau das: eine Gegenbewegung zu den fehlenden Räumen in der realen Welt, wo sich Kinder und Jugendliche kreativ entfalten und ihre Identität entwickeln können. Besonders Jugendliche brauchen solche Räume. Sie suchen und schaffen sie sich – aktuell geschieht dies häufig in der virtuellen Welt.
Wechseln wir den Fokus: Was sind die grössten Herausforderungen für Eltern?
Die Individualisierung der Gesellschaft hat die Eltern in eine neue Rolle gedrängt: Sie tragen heute die alleinige Verantwortung für die Entwicklung ihres Kindes. Während früher Ärztinnen und Ärzte, Lehrpersonen, Pfarrer und gesellschaftliche Normen eine Orientierung gaben, müssen heute die Eltern alles selbst entscheiden. Der Druck, es „richtig“ zu machen, ist enorm. Und mit der immer grösseren Menge an verfügbaren Informationen steigt die Orientierungslosigkeit zusätzlich.
Was raten Sie Eltern diesbezüglich?
Klar, sie sollen informiert sein. Aber statt zu versuchen, Rezepte von Ratgebern und Influencern eins zu eins zu kopieren, dürfen sich Eltern wieder mehr zutrauen und sich auf ihre Intuition verlassen. Sie sollen sich zutrauen, eigene Wege zu gehen und immer wieder zu schauen, was für die eigene Familie am besten passt.
Welche Rolle spielt vor diesem Hintergrund eine Organisation wie Pro Juventute?
Pro Juventute kann mit Elternbildung oder direkter Unterstützung in Krisen viel dazu beitragen, dass Paare die grossen Herausforderungen der Elternschaft meistern können. Das tut die Stiftung zum Beispiel mit der Notrufnummer 147 oder auch mit den Elternbriefen, die ich hin und wieder fachlich gegenlese. Die Arbeit von Pro Juventute ist auch deshalb so wichtig, weil sich die Stiftung für bestmögliche gesellschaftliche Rahmenbedingungen für Kinder und Jugendliche einsetzt. Als eine der wenigen Organisationen vertritt sie deren Anliegen im politischen Prozess und übernimmt damit eine doppelte Rolle: Pro Juventute unterstützt einerseits die Familien ganz konkret und setzt sich andererseits in der Gesellschaft für die Interessen der Kinder und Jugendlichen ein.
Über Prof. Dr. med. Oskar Jenni: Oskar Jenni ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin am Universitäts-Kinderspital Zürich und ordentlicher Professor für Entwicklungspädiatrie an der Universität Zürich. Er leitet die Zürcher Longitudinalstudien, die zu den weltweit umfassendsten Studien zur kindlichen Entwicklung zählen. Jenni hat über 250 wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht und ist Autor mehrerer Sach- und Fachbücher. Für Pro Juventute gibt er als externe Fachperson Rückmeldung zu den Elternbriefen.
Erschienen im Mai 2026 im Pro-Juventute-Magazin «Futura« 1/2026.
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